Der Weltuntergang lässt ganz schön auf sich warten. Dabei gäbe es angesichts der weltpolitischen Nachrichtenlage genügend Gründe, die Veranstaltung langsam anzusetzen. Während die einen bereits Konservendosen stapeln, andere sich vorsorglich einen Bunker kaufen und wieder andere das nächste Problem einfach weglächeln, haben Vier Meter Hustensaft eine wesentlich günstigere Bewältigungsstrategie gefunden: Gitarren aufdrehen, Verstärker an und dem ganzen Irrsinn ein ordentliches Punkrockständchen widmen. Ihre neue EP heißt passenderweise „Weltuntergang“ und liefert vier musikalische Kommentare zu einer Gesellschaft, deren Kompass offenbar schon länger zur Reparatur müsste.
Die Düsseldorfer gibt es seit 2020. Gegründet wurde die Formation ausgerechnet während der Corona-Pandemie, als gemeinsames Musizieren ungefähr so unkompliziert war wie eine spontane Urlaubsreise nach Nordkorea. Seitdem ist einiges passiert. Auf das noch recht ungestüme Debüt „Influenza“ folgte mit „Kein Vergeben, Kein Vergessen“ eine deutlich überzeugendere Veröffentlichung. Personelle Veränderungen, Konzerte (unter anderem mit Toxoplasma und Graupause) und schließlich „Dreckige Kohle“ sorgten für weitere Bewegung. Inzwischen bilden Philipp „Phil“ Altenhofen und Thiemo Schröder das singende Gitarrendoppel, während Philipp „Wachtel“ Wachter am Bass und Dirk „The Lobster“ Löber am Schlagzeug den rhythmischen Unterbau liefern. Mit ihrer am 30. Oktober 2026 über NRT-Records erscheinenden EP präsentieren sich die vier Musiker überraschend melodisch, erfreulich selbstbewusst und politisch ungefähr so kompromissbereit wie eine verschlossene Panzertür.
Die Apokalypse hat einen Ohrwurm
Katastrophenstimmung und gute Laune schließen sich bekanntlich nicht aus. Das haben schon Generationen von Punkbands bewiesen, die selbst aus dem schlimmsten gesellschaftlichen Elend noch einen brauchbaren Refrain basteln konnten. Vier Meter Hustensaft beherrschen diese Disziplin mittlerweile ebenfalls ziemlich gut. Ihr eröffnendes „Weltuntergang“ betrachtet die Aussicht auf das endgültige Ende mit einer derart unbekümmerten Boshaftigkeit, dass man sich beinahe fragt, ob die Musiker bereits Eintrittskarten für die erste Reihe besitzen. Die Apokalypse wird nicht gefürchtet, sondern sarkastisch begrüßt. Dahinter steckt die schlichte Erkenntnis, dass ein zunehmend menschenfeindliches gesellschaftliches Klima irgendwann selbst hartgesottenen Optimisten auf die Nerven gehen kann.
Das instrumentale Gegenprogramm fällt erfreulich lebhaft aus. Dirk Löber hält den Takt mit einem energischen Schlagzeugspiel zusammen, während Philipp Wachter am Bass für ordentlich Druck sorgt. Dessen Instrument ist angenehm präsent und muss sich nicht wie bei mancher Punkproduktion irgendwo zwischen Gitarren und Bassdrum verstecken. Altenhofen und Schröder setzen dem Ganzen ein kräftiges Riffgerüst auf, das immer wieder von melodischen Leadgitarren durchbrochen wird. Besonders die Solopassagen machen deutlich, dass hier Musiker zugange sind, die ihre Instrumente durchaus beherrschen und mehr im Sinn haben als die üblichen drei Akkorde in wechselnder Reihenfolge.

Altenhofen darf beim Titelstück auch den Gesang übernehmen. Und das macht er mit einer erfreulichen Portion Selbstbewusstsein. Seine Stimme klingt rotzig, aber keineswegs unbeholfen, während die melodischen Wendungen dem ansonsten recht derben Text eine beinahe beschwingte Note verleihen. Gerade der Refrain besitzt einen beachtlichen Mitgröhlfaktor. Vermutlich muss man das Publikum bei den kommenden Konzerten nicht zweimal bitten, sich daran zu beteiligen. Musikalisch wäre das Ende der Welt jedenfalls ganz ordentlich begleitet.
Braune Vergangenheit, blaue Gegenwart und ein ziemlich freches Mundwerk
Für „Keiner Wird Euch Vermissen“ wird die satirische Verpackung gegen eine offene politische Kampfansage ausgetauscht. Der Blick auf das Jahr 1933 dient als historische Warnung, während die Gegenwart mit dem Erstarken rechtsextremer Bewegungen konfrontiert wird. Interessanterweise bleibt die Band nicht in der allgemeinen Empörung stecken. Stattdessen entwirft sie mit dem Jahr 2035 eine Zukunft, in der Rassismus, Faschismus und die Unterdrückung gesellschaftlicher Minderheiten überwunden sind. Ein recht optimistisches Szenario, wenn man bedenkt, dass sich die Menschheit gegenwärtig nicht einmal darüber einig zu sein scheint, ob grundlegende Menschenrechte tatsächlich für alle gelten sollten.
Am Mikrofon hat diesmal Thiemo Schröder das Sagen. Der Gitarrist besitzt eine Spitze, raue, freche Stimme, die sich irgendwo zwischen melodischem Punkgesang und ungestümem Herausbrüllen bewegt. Dabei klingt er herrlich unverschämt, als würde er seinem politischen Gegenüber die Meinung unmittelbar ins Gesicht kreischen. Das passt hervorragend zu den aggressiven Aussagen des Textes. Seine Gesangsleistung ist insgesamt überzeugend, auch wenn die stimmliche Balance auf „Dreckige Kohle“ einen Tick besser gelungen war. Dort klang Schröder in manchen Passagen geschmeidiger, während er diesmal gelegentlich etwas scharf aus den Lautsprechern schießt. Als störend muss man das allerdings nicht zwangsläufig empfinden. Gerade Punkrock lebt schließlich auch von charakteristischen Stimmen, die nicht jeden Ton für das nächste Castingformat zurechtbügeln.

Zumal der gemeinsame Refrain von Schröder und Altenhofen ein echtes Pfund ist. Hier treffen rotziger Gesang, melodische Gitarren und eine geradezu ansteckende Eingängigkeit aufeinander. Die Leadgitarren verleihen der Nummer zusätzliche Dynamik, während Bass und Schlagzeug zuverlässig das Fundament sichern. Wer bei diesem Stück nicht wenigstens gedanklich mitgrölt, dürfte entweder ausgesprochen diszipliniert sein oder den Punkrock grundsätzlich lieber aus sicherer Entfernung betrachten. „Keiner Wird Euch Vermissen“ gehört zu den überzeugendsten Kompositionen der EP und verbindet eine wichtige politische Aussage mit ausgesprochen gutem Songwriting.
Das Ganze Schwarz: Politisches Farbfernsehen mit erheblichen Empfangsstörungen
Bei „Das Ganze Schwarz“ wird es parteipolitisch. Schwarz, Blau und reichlich braune Anspielungen bestimmen den Text, wobei die Musiker auf konkrete Namen verzichten. Das macht ungefähr so viel Unterschied wie ein Wahlplakat ohne Parteilogo, auf dem trotzdem das gesamte Programm steht. Thematisiert werden gebrochene Versprechen, das opportunistische Verschieben politischer Positionen und die Gefahr, menschenfeindliche Standpunkte aus machtstrategischen Gründen gesellschaftsfähig zu machen. Die Wut darüber wird ohne sonderliche Zurückhaltung vorgetragen. Feinfühlige diplomatische Formulierungen sollte man hier also besser nicht erwarten.
Musikalisch bewegt sich die Nummer erneut im flotten Bereich des melodischen Deutschpunk. Die Gitarren arbeiten mit griffigen Riffs und eingängigen Melodien, während die Rhythmussektion zuverlässig Druck macht. Besonders das Zusammenspiel der beiden Gitarristen sorgt für Freude. Die Leadfiguren geben dem Song ein eigenes Profil und verhindern, dass er in einer gewöhnlichen Aneinanderreihung von Powerchords endet. Das klingt durchaus sorgfältig komponiert, ohne den spontanen Charakter des Punkrock zu verlieren.
Ganz frei von Wiederholungen ist die Angelegenheit allerdings nicht. Inzwischen wird deutlich, dass die Band für ihre vier neuen Stücke einen ziemlich ähnlichen musikalischen Werkzeugkasten verwendet. Das ist bei einer gut zehnminütigen Veröffentlichung noch kein ernsthaftes Problem, doch ein paar zusätzliche rhythmische Überraschungen hätten durchaus für frischen Wind gesorgt. Andererseits besitzt die Nummer genügend melodische Substanz, um auch ohne besonders ausgefallene Arrangements zu funktionieren. Und wem die politischen Aussagen nicht gefallen, der kann sich immerhin über die Gitarrenarbeit freuen. Ein kleiner Trost.
Wir Stehen Zusammen: Eine Rolex ersetzt kein Gewissen
Mit „Wir Stehen Zusammen“ nehmen sich Vier Meter Hustensaft schließlich jene Menschen vor, deren gesellschaftliches Verantwortungsbewusstsein ungefähr an der eigenen Grundstücksgrenze endet. Obdachlose werden ignoriert, soziale Ungerechtigkeit als persönliches Pech abgetan und fremdes Leid interessiert höchstens dann, wenn es die eigene Komfortzone beeinträchtigt. Der Text kritisiert diese Mischung aus Arroganz, Gleichgültigkeit und Wohlstandsverwahrlosung ziemlich unverblümt. Da kann die Armbanduhr noch so teuer sein: Empathie gehört offenbar nicht zur Serienausstattung.
Der Refrain setzt dem Egoismus eine solidarische Botschaft entgegen. Zusammenhalt und gegenseitige Unterstützung stehen im Mittelpunkt, wodurch die EP nach den vorherigen politischen Attacken einen etwas versöhnlicheren Abschluss findet. Musikalisch bleibt die Nummer allerdings hinter den übrigen drei Beiträgen zurück. Die Gitarren spielen ordentlich, das Schlagzeug treibt zuverlässig und auch gesanglich gibt es wenig auszusetzen. Was fehlt, ist der wirklich zündende Moment. Der Refrain lässt sich zwar gut gemeinsam singen, besitzt aber nicht dieselbe unmittelbare Eingängigkeit wie beim Titelstück oder „Keiner Wird Euch Vermissen“.
Das ist schade, denn die gesellschaftliche Aussage verdient durchaus Aufmerksamkeit. Allerdings wird aus einer guten Botschaft nicht automatisch ein besonders guter Song. Hier hätten ein etwas markanteres Gitarrenmotiv oder eine unerwartete kompositorische Wendung noch einiges herausholen können. Als Abschluss funktioniert „Wir Stehen Zusammen“ dennoch, wenngleich es musikalisch der unspektakulärste Beitrag der vier Stücke bleibt.
Vier Meter, zwei Stimmen und ein erstaunlich ordentliches Klangfundament
Dass Vier Meter Hustensaft inzwischen einen beachtlichen musikalischen Sprung gemacht haben, lässt sich kaum bestreiten. Die Gitarren wirken ausgereifter, die Rhythmussektion arbeitet angenehm präzise und besonders die beiden Sänger präsentieren sich mit deutlich mehr Selbstvertrauen. Philipp Altenhofen punktet mit seiner melodischen und gleichzeitig rotzigen Stimme, während Thiemo Schröder den aggressiveren Gegenpart übernimmt. Diese Aufteilung funktioniert ausgezeichnet und verleiht den Songs zwei unterschiedliche gesangliche Charaktere. Die gelegentlich etwas schneidenden Passagen Schröders ändern daran wenig.
Auch hinsichtlich der Produktion gibt es erfreulich wenig zu meckern. Dirk Löber, der neben seinem Schlagzeugspiel auch Mixing und Mastering übernommen hat, sorgt für ein kräftiges Klangbild. Der Bass von Philipp Wachter bleibt deutlich wahrnehmbar, die Gitarren besitzen genügend Raum und die melodischen Leadpassagen gehen nicht im allgemeinen Punkrockgetöse unter. Dabei wirken die Aufnahmen nicht unangenehm steril. Ein gewisser Schmutzrand bleibt erhalten, was der Musik ausgesprochen gut steht. Schließlich handelt es sich hier immer noch um Punkrock und nicht um die musikalische Präsentation eines frisch gewischten Küchenbodens.
Eine gewisse Kritik muss sich die Band allerdings gefallen lassen. Gerade weil die vier Musiker inzwischen viel besser zusammenspielen und offensichtlich über kompositorische Fähigkeiten verfügen, dürfte künftig ruhig noch etwas mehr Experimentierfreude hinzukommen. Der permanente Wechsel zwischen flotten Strophen, melodischen Gitarren und eingängigen Refrains funktioniert zwar, ist aber nicht sonderlich überraschend. Eine ruhigere Passage, ein ungewöhnlicher Rhythmuswechsel oder eine etwas ausgefallenere Songstruktur könnten dem Material zusätzliche Spannung verleihen. Das Potenzial dafür scheint jedenfalls vorhanden zu sein.
Unsere Wertung:
Unser Fazit:
Die Welt steht vielleicht nicht unmittelbar vor dem Untergang, doch Vier Meter Hustensaft liefern schon einmal die passende musikalische Begleitung für den Fall der Fälle. „Weltuntergang“ bietet vier kurze, politisch engagierte Punkrocknummern, die vor allem durch melodische Gitarren, ein kräftiges Bassfundament und zwei charakterstarke Sänger überzeugen. Besonders das sarkastische Titelstück und das kämpferische „Keiner Wird Euch Vermissen“ besitzen einen beachtlichen Mitgröhlfaktor. Auch „Das Ganze Schwarz“ macht mit seiner Kombination aus eingängigen Melodien und politischer Kritik eine gute Figur.
Lediglich ein Kritikpunk: Die Kompositionen ähneln sich die musikalischen Strukturen gelegentlich stärker, als es notwendig wäre. Gesanglich präsentieren sich dagegen sowohl Philipp Altenhofen als auch Thiemo Schröder ausgesprochen Kämpferisch. Unter dem Strich steht eine gelungene EP, deren rund zehneinhalb Minuten kaum Zeit zum Durchatmen lassen. Wer melodischen Politpunk mit Sarkasmus, deutlicher Haltung und griffigen Refrains mag, bekommt hier reichlich geboten. Und sollte die Apokalypse wider Erwarten doch ausfallen, kann man die Platte selbstverständlich auch ganz normal beim nächsten Grillabend hören. Zumindest solange niemand auf die Idee kommt, über Politik zu diskutieren.

Releaseinformationen
Interpret: Vier Meter Hustensaft
Titel: Weltuntergang
Format: EP | Digital | Hi-Res-Download
Veröffentlichung: 30. Oktober 2026
Genre: Punkrock | Deutschpunk | Politpunk
Label: NRT-Records
Spielzeit: 10:30 Minuten
Trackliste
01. Weltuntergang
02. Keiner Wird Euch Vermissen
03. Das Ganze Schwarz
04. Wir Stehen Zusammen
Besetzung und Produktion
Philipp „Phil“ Altenhofen – Leadgesang, Gitarre
Thiemo Schröder – Leadgesang, Gitarre
Philipp „Wachtel“ Wachter – Bass, Hintergrundgesang
Dirk „The Lobster“ Löber – Schlagzeug, Hintergrundgesang
Mixing und Mastering: Dirk Löber
Artwork: Philipp Altenhofen, Philipp Gottfried und Geo Hilse
Digitales Booklet und Bonusfeatures: Philipp Gottfried und Geo Hilse
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