Wer glaubt, aus Duisburg kämen ausschließlich Stahl, Kohle und schlechte Laune, hat die Rechnung ohne Thin Lassie gemacht. Die vier Herren schießen mit „Invaders From Venus – Deluxe“ eine frisch aufpolierte Ladung Space Punk in die Umlaufbahn, bei der selbst die Aliens aus Mars Attacks ihren Phaser gegen eine Bierflasche eintauschen würde. Fünf Songs, zuzüglich eines neuen Bonustrack und jede Menge musikalischer Irrsinn, hinter dessen alberner Fassade überraschend viel Verstand steckt.
Vier Musiker, ein Dachschaden und verdammt viel Können
Bei Thin Lassie treffen einige durchaus bekannte Gesichter der Punkrockszene aufeinander. Dirk Löber, der auch bei Vier Meter Hustensaft die Felle bearbeitet, sorgt für den nötigen rhythmischen Antrieb. Gitarrist Danu dürfte dem einen oder anderen durch seine Tätigkeit bei den berüchtigten Eisenpimmel bekannt sein, während Frontmann Alex Horschig auch bei Affront seine musikalischen Spuren hinterlassen hat. Komplettiert wird das Quartett durch Andy Steel am Bass, der hier keineswegs nur dekorativ herumsteht.
Wer bei dieser Zusammenstellung allerdings eine weitere Punkrock-Kapelle erwartet, die drei Akkorde beherrscht und ihren Intellekt konsequent an der Garderobe abgibt, wird eines Besseren belehrt. Die Herrschaften haben nicht nur reichlich Unsinn im Kopf, sondern auch ein ausgezeichnetes Gespür für Arrangements. Die Gitarren knurren, der Bass schiebt, die Drums sitzen auf den Punkt und dann kommen diese herrlich bekloppten Keyboardklänge um die Ecke, als hätte jemand einem mittelalterlichen Hofnarren einen Synthesizer geschenkt.
Das klingt zunächst nach musikalischem Karneval, funktioniert aber erstaunlich gut. Denn hinter dem ganzen Zirkus stecken Musiker, die wissen, was sie tun. Und das hört man.
Han Solo, außerirdische Invasoren und andere Vollpfosten
Los geht die außerirdische Vergnügungsfahrt mit „Scruffy Looking Nerf Herder“. Die Verbeugung vor dem wohl berühmtesten Weltraumschmuggler der Filmgeschichte kommt mit saftigen Gitarrenriffs, einer ordentlichen Portion Groove und einem Alex Horschig daher, dessen nasaler Gesang irgendwo zwischen Punkrock-Sänger und einer besonders aufmüpfigen Zeichentrickfigur pendelt.
Der Clou: Die Nummer macht nicht nur Spaß, sie bleibt auch verdammt hartnäckig im Gehörgang kleben. Gitarrist Wolle zeigt, dass griffige Riffs keine mathematische Wissenschaft sein müssen, während die Rhythmusabteilung das Ganze mit erfreulicher Präzision durch die Gegend prügelt. Dabei haben die Musiker ein ausgezeichnetes Gespür für Dynamik und eingängige Melodien. Kein überflüssiger Schnickschnack, keine Gitarrensoli, die länger dauern als die durchschnittliche Wartezeit beim Bürgeramt, sondern Punkrock, der auf den Punkt kommt.
Die Sozialkritik als Alien-Invasion
Beim Titelstück „Invaders From Venus“ wird anschließend die außerirdische Invasion ausgerufen. Allerdings haben die grünen Männchen offenbar nicht nur die Weltherrschaft im Sinn, sondern auch ein Faible für Manipulation, Gehirnwäsche und die systematische Verdummung der Menschheit. Moment mal, außerirdische Besatzer, die Menschen durch Medien und Drogen kontrollieren? Irgendwie klingt das erschreckend irdisch.
Genau hier beweisen Thin Lassie ihre eigentliche Stärke: Gesellschaftskritik wird nicht mit dem Vorschlaghammer serviert, sondern zwischen Science-Fiction-Klamauk und eingängigen Punkrockmelodien versteckt. Musikalisch geht die Nummer ordentlich nach vorne, während die schrägen Orgelklänge für eine Atmosphäre sorgen, als hätte sich eine drittklassige Science-Fiction-Produktion versehentlich in eine Punkrock-Kneipe verirrt. Die kräftigen Gitarren und die hervorragend eingespielte Rhythmusgruppe sorgen dafür, dass der musikalische Unfug niemals zur bloßen Albernheit verkommt.
Wer wissen möchte, wie sich diese schräge Geschichte auch visuell umsetzen lässt, sollte sich den dazugehörigen Music Comic zu „Invaders From Venus“ ansehen. Hier dürfen die außerirdischen Gestalten endlich auch auf dem Bildschirm ihr Unwesen treiben.
Echsenmenschen, Verschwörungstrottel und Liebeskummer vom Mars
Mit „The Lizard Men“ widmet sich das Quartett anschließend jenen Zeitgenossen, die tatsächlich glauben, unsere Welt werde von reptilienartigen Wesen beherrscht. Angesichts mancher politischen Entscheidung erscheint die Theorie zwar gelegentlich verlockend, Thin Lassie halten dem Verschwörungszirkus aber lieber einen musikalischen Spiegel vor. Schnelle Gitarren, mitreißende Chöre und ein Schlagzeug, das keine Gefangenen macht, verwandeln die Reptilienjagd in einen ausgesprochen unterhaltsamen Punkrock-Kracher.
Die eigentliche Pointe liegt darin, dass die Band die Absurdität solcher Verschwörungserzählungen mit mindestens ebenso absurden Mitteln entlarvt. Wer reptiloide Weltherrscher für eine ernsthafte Erklärung der politischen Gegenwart hält, dürfte zwar auch nach diesem Song nicht plötzlich zum vernunftbegabten Menschen mutieren, bekommt aber immerhin einen ziemlich ordentlichen Soundtrack für die nächste Aluhut-Konferenz geliefert.
Und weil auch Außerirdische Liebeskummer haben dürfen, wartet mit „My Ex From Mars“ schließlich eine interplanetare Beziehungskatastrophe. Hier gibt es eingängige Melodien, herrlich alberne Chöre und ein spritziges Gitarrensolo. Die Keyboardspielereien sind einmal mehr so geschmackvoll geschmacklos, dass sie schon wieder großartig sind. Insbesondere die spielerische Leichtigkeit, mit der die Musiker zwischen melodischem Punkrock und herrlich überzogenem Science-Fiction-Kitsch wechseln, macht den Reiz dieser Nummer aus.
„Suburban Boy“: Vom Weltraum direkt in die versiffte Vorstadt
Die eigentliche Neuigkeit dieser Deluxe-Ausgabe heißt „Suburban Boy“. Und siehe da: Die Herrschaften können tatsächlich auch über Dinge singen, die nicht über drei Tentakel und einen intergalaktischen Führerschein verfügen.
Diesmal geht es um das Aufwachsen in der Vorstadt, um trostlose Wohnviertel, Einkaufszentren, Spielautomaten, Zweitakter und jene glorreiche Jugendphase, in der man sich mit einer halbwegs anständigen Punkrock-Plattensammlung bereits für den gefährlichsten Revolutionär des gesamten Stadtteils hielt. Ramones, Dictators und Iggy Pop liefern die musikalischen Bezugspunkte für eine Geschichte voller jugendlicher Rebellion, Langeweile und herrlicher Erinnerungen an jene Zeiten, als ein Besuch im Plattenladen noch aufregender war als der neueste Algorithmus auf TikTok.
Besonders interessant ist dabei die gesangliche Leistung von Alex Horschig. Statt seiner gewohnten nasalen Verrenkungen präsentiert sich der Frontmann diesmal in einer deutlich tieferen Stimmlage, was dem Song einen ganz anderen Charakter verleiht. Das wirkt beinahe lässig, ohne dabei die gewohnt kauzige Persönlichkeit zu verlieren. Alex zeigt damit, dass er deutlich mehr draufhat, als seine Stimme durch den galaktischen Fleischwolf zu drehen.
Instrumental bleibt hingegen alles beim wunderbar kontrollierten Wahnsinn: Wolle verteilt kernige Riffs, Andy lässt den Bass ordentlich pulsieren und Dirk treibt die Nummer mit einem knackigen Schlagzeugspiel voran. Darüber schweben diese irrwitzigen, beinahe höfisch klingenden Keyboardmelodien, bei denen unweigerlich das Bild eines tanzenden Hofnarren mit Irokesenschnitt entsteht. Die Komposition funktioniert dabei überraschend gut und besitzt einen ausgezeichneten Wiedererkennungswert. Gerade die Verbindung aus klassischem Punkrock, melodischen Gitarrenfiguren und schrägen Tasteninstrumenten verleiht dem Stück seinen eigenwilligen Charme.
„Suburban Boy“ erweitert die musikalische Bandbreite und beweist, dass Thin Lassie auch ohne Raumschiffe und Echsenmenschen über genügend Stoff für unterhaltsame Geschichten verfügen. Statt außerirdischer Invasoren bekommt diesmal die kleinbürgerliche Vorstadt ihr Fett weg. Die gesellschaftlichen Beobachtungen fallen dabei ebenso pointiert aus wie die musikalische Umsetzung, nur dass die Aliens diesmal wahrscheinlich gelangweilt an der Bushaltestelle stehen.
Frisch poliert, aber glücklicherweise nicht desinfiziert
Auch die technische Überarbeitung verdient eine Erwähnung. Dirk Löber hat sich das ursprüngliche Material noch einmal vorgenommen und ihm ein ausgesprochen gelungenes Remaster spendiert. Das Resultat klingt druckvoller, aufgeräumter und transparenter, ohne den Songs ihre punkige Rotzigkeit auszutreiben. Besonders die Gitarren profitieren von der klareren Darstellung, während der Bass mehr Präsenz erhält und die zahlreichen Keyboard-Eskapaden nicht mehr Gefahr laufen, im allgemeinen Getöse unterzugehen.
Erfreulich ist vor allem, dass hier nicht jeder musikalische Dreckfleck mit dem Hochdruckreiniger entfernt wurde. Thin Lassie klingen immer noch nach einer Punkband und nicht nach vier Musikstudenten, die ihre Abschlussprüfung in digitaler Klangoptimierung ablegen. Die Drums besitzen einen trockenen, knackigen Druck, die Gitarren behalten ihre charakteristische Rauheit und selbst die mitunter ziemlich durchgeknallten Keyboards finden genügend Platz im Klangbild. Das ist handwerklich sauber gemacht und zeigt, dass ein ordentliches Remaster keineswegs sämtliche Ecken und Kanten abschleifen muss.
Ein kleiner Kritikpunkt bleibt allerdings: Nicht jede kompositorische Idee ist gleichermaßen originell, und manche Gags leben stärker von ihrer charmanten Beklopptheit als von musikalischer Raffinesse. Allerdings wäre es auch ziemlich bescheuert, von einer Band, die über Echsenmenschen und außerirdische Exfreundinnen singt, plötzlich die intellektuelle Schwere einer progressiven Konzeptoper zu verlangen. Dafür sind die Musiker zu spielfreudig, die Melodien zu eingängig und die Songs schlichtweg zu unterhaltsam.
Unsere Wertung:
Unser Fazit:
Thin Lassie liefern mit „Invaders From Venus – Deluxe“ ein herrlich beklopptes Stück Punkrock ab, das musikalisches Können, bissige Gesellschaftskritik und den Humor eines außer Kontrolle geratenen Science-Fiction-B-Movies überzeugend miteinander verbindet. Das gelungene Remaster und der überraschend starke Bonustrack „Suburban Boy“ machen die Neuauflage zu einer echten Bereicherung, auch wenn nicht jeder Gag einen Orden für Originalität verdient. Wer bei dieser galaktischen Punkrock-Sause keinen Spaß hat, ist vermutlich selbst ein Echsenmensch

Releaseinformationen
Interpret: Thin Lassie
Veröffentlichung: „Invaders From Venus – Deluxe“
Format: EP / 5 Titel / CD mit Comic und digital
Veröffentlichungsdatum: 30. Oktober 2026
Genre: Space Punk | Punkrock | Alternative Rock
Label: NRT-Records
Katalognummer: NRTTL02
Titelliste – Invaders From Venus – Deluxe
01. Scruffy Looking Nerf Herder
02. Invaders From Venus
03. The Lizard Men
04. My Ex From Mars
05. Suburban Boy (Bonustrack)
Besetzung und Produktion
Alex Horschig: Gesang und Keyboards (Affront)
Danu: Gitarre (Eisenpimmel)
Andy Steel: Bass
Dirk Löber: Schlagzeug (Vier Meter Hustensaft)
Überarbeitung und Remastering: Dirk Löber
Über Thin Lassie
Thin Lassie sind eine Punkrockband aus dem Großraum Duisburg, die ihre Musik selbst als „psychoaktiven Space Punk“ bezeichnet. Das Quartett kombiniert melodischen Punkrock, schräge Keyboardmelodien und klassische Science-Fiction-Ästhetik mit gesellschaftskritischen Texten, satirischem Humor und zahlreichen Anspielungen auf die Popkultur. Zu den bisherigen Stationen der Band gehören Auftritte beim INDIE Fresse Festival, im KULT41 und im Don’t Panic, wo Thin Lassie bereits mit Lion’s Law auf der Bühne standen. Mit „Invaders From Venus – Deluxe“ veröffentlichen die Musiker ihre überarbeitete EP samt dem neuen Titel „Suburban Boy“ über NRT-Records.
Mehr zu Thin Lassie im Netz
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