Punk darf ruhig ein bisschen unbequem sein. Er darf rumpeln, übertreiben, widersprechen und dort den Mund aufmachen, wo andere vorsichtshalber nur noch betreten auf ihre Schuhe schauen. Genau aus dieser Ecke kommen die Edelweisspiraten mit ihrer EP „Wir Sind Der Widerstand!“. Sechs Songs, knapp 25 Minuten und keine Lust auf politische Neutralstellung: Die Österreicher stehen auf gegen Faschismus, Krieg, wirtschaftliche Macht, religiösen Fundamentalismus und zeigen auf Erinnerungskultur und Freundschaft. Dabei ist nicht jede Zeile bis ins letzte Detail ausdiskutiert, aber wenigstens muss man hier niemals rätseln, auf welcher Seite die Band steht.
Keine Anfänger, auch wenn die Band noch jung ist
In ihrer heutigen Form sind die Edelweisspiraten seit 2022 unterwegs. Eine vollständig unerfahrene Truppe steht hier allerdings nicht im Proberaum. Gitarrist und Kapellenmeister Body war zuvor bei BrainDead, Hounded Prisoners und Choking Revenge aktiv. Pauli bringt seinerseits Erfahrungen aus Anal Destination und The Burning Aces mit. Zusammen mit Sänger Boldi, Bassist Otschi und Schlagzeuger Happo entstand eine Formation, die zwar nach DIY klingt, ihre Instrumente aber nicht erst seit vergangenem Dienstag in den Händen hält.
Auch live haben sich die fünf Musiker längst aus dem heimischen Proberaum herausgearbeitet. Nach ersten Konzerten mit Cromulents, Vacunt und Stockkampf folgten Auftritte in Österreich, Deutschland und Tschechien. Im März 2024 eröffneten die Edelweisspiraten in der ausverkauften Arena Wien für Stomper 98. Außerdem teilte die Band unter anderem mit Mullet Monster Mafia und The Judge Dread Memorial die Bühne.
Die 2023 zunächst in Eigenregie veröffentlichte EP „Wir Sind Der Widerstand!“ markiert den Ausgangspunkt dieser Entwicklung. Nach der Übernahme durch NRT-Records wird das Material 2026 als neu aufbereitete Vinyl- und Digitalveröffentlichung wieder zugänglich gemacht. Eine erweiterte Bandcamp Edition ergänzt die sechs Songs um ein digitales Booklet, ein Full-HD-Video und Hintergrundbilder. An den ursprünglichen Aufnahmen wurde dabei nicht so lange herumgeschraubt, bis ihnen jede Spur ihrer Entstehungszeit ausgetrieben war. Gut so, denn ein klinisch sauberes Klangbild hätte zu dieser Musik ungefähr so gut gepasst wie ein Bügelbrett in den Moshpit.
Widerstand beginnt nicht erst auf der Barrikade
Die EP besitzt drei große thematische Standbeine: Erinnerung, Zusammenhalt und politische Gegenwehr. Der Titelsong der Band, „Edelweisspiraten“, verbindet alle drei miteinander. Die historischen Edelweißpiraten waren lose organisierte Jugendgruppen, die sich während der nationalsozialistischen Herrschaft der Gleichschaltung und dem Zwang der Hitlerjugend entzogen. Sie trafen sich unabhängig, trugen eigene Kleidung, sangen verbotene Lieder und leisteten je nach Gruppe unterschiedliche Formen des Widerstands. Viele wurden verfolgt, verhaftet, misshandelt oder ermordet.
Die österreichischen Edelweisspiraten benutzen diesen Namen nicht als hübsches historisches Abzeichen. Ihr Song fragt, was aus dem damaligen Mut für die Gegenwart folgt. Faschismus verschwindet schließlich nicht, weil ein Schulbuchkapitel abgeschlossen wurde. Er verändert seine Sprache, tauscht Uniformen gegen Anzüge, eröffnet Profile in sozialen Netzwerken und behauptet irgendwann, seine Menschenfeindlichkeit sei bloß eine mutige Gegenposition.
Musikalisch steigt „Edelweisspiraten“ vergleichsweise kontrolliert ein. Bass, Schlagzeug und Gitarren bauen das Stück im Midtempo auf, bevor der Refrain die Fäuste nach oben schiebt. Body und Pauli spielen nicht ausschließlich stumpfe Akkorde, sondern streuen melodische Linien, kurze Leads und kleinere Gegenbewegungen ein. Das sorgt dafür, dass die Nummer nach Punkrock klingt, ohne sich mit drei Griffen und einem guten Gewissen zufriedenzugeben.
Dass Widerstand nicht jeden Morgen mit einer politischen Grundsatzrede beginnen muss, zeigt „All Die Ganzen Jahre“. Hier geht es um Freundschaft, gemeinsam durchstandene Zeiten und jene Menschen, die auch dann noch neben einem stehen, wenn das Leben gerade keine Zugabe spielen möchte. Der Song schlägt deutlich in Richtung Oi!-Punk aus: breiter Refrain, einfache Struktur, mehrere Stimmen und genügend Platz für ein Publikum, das schon nach dem ersten Durchlauf mitgrölen kann.
Das mag weniger komplex sein als die politischen Stücke, ist für das Gesamtbild aber wichtig. Ohne Freundschaften, Vertrauen und eine funktionierende Gemeinschaft bleibt Widerstand schnell bei großen Worten stehen. „All Die Ganzen Jahre“ liefert deshalb das emotionale Fundament der EP. Wo die anderen Songs gegen Zustände anschreiben, erinnert dieser daran, für wen man den ganzen Aufwand überhaupt betreibt.
Drei Akkorde, viele Gegner und eine übermütige Faust
In der Mitte der EP wird es deutlich ruppiger. „Es Brennt (In Unserer Stadt)“ startet mit einem knappen Einzähler und beschleunigt sofort. Happo treibt die Nummer mit geradlinigem Schlagzeug nach vorne, während die Gitarren zwischen Punkrock und Hardcore pendeln. Besonders Body lässt zwischendurch erkennen, dass er als Kapellenmeister nicht bloß die Einsätze zählt. Kleine melodische Spitzen und präzise Übergänge geben dem Song mehr Bewegung, als seine ungestüme Oberfläche zunächst vermuten lässt.
Inhaltlich beschreibt „Es Brennt (In Unserer Stadt)“ eine Gesellschaft, in der politische Spannungen längst auf der Straße angekommen sind. Rechtsextreme Strukturen, soziale Kälte und aufgestaute Wut bilden den Brandbeschleuniger. Die Band antwortet darauf mit maximaler Entschlossenheit. Allerdings schlägt die Faust sprachlich an einigen Stellen über das Ziel hinaus. Wenn berechtigte antifaschistische Wut in Vergeltungs- oder Hinrichtungsbilder kippt, wird aus klarer Haltung keine automatisch bessere Aussage.
Punk muss nicht höflich sein und darf bewusst überzeichnen. Dennoch sollte sich eine Bewegung, die Menschenfeindlichkeit bekämpft, fragen, ob sie deren Sprache übernehmen möchte. Gerade weil die politische Grundposition der Band richtig und notwendig ist, fallen diese Passagen umso stärker auf. Musikalisch bleibt „Es Brennt (In Unserer Stadt)“ einer der druckvollsten Songs der EP. Textlich hätte ein etwas genauer gezielter Schlag allerdings nachhaltiger getroffen.
„Krieg, Mord Und Totschlag“ richtet die Aufmerksamkeit anschließend auf Waffenexporte, Flucht, wirtschaftliche Interessen und das große politische Schulterzucken angesichts menschlichen Leids. Staaten und Unternehmen verdienen an Kriegen, während diejenigen, die vor deren Folgen fliehen, an Grenzen abgewiesen oder zur Bedrohung erklärt werden. Die Edelweisspiraten brauchen für diese Anklage keine komplizierte Konstruktion. Die Nummer folgt einer klassischen Drei-Akkord-Logik und besitzt einen Refrain, der so lange wiederholt wird, bis ihn auch die letzte Person im Raum begriffen hat.
Subtil ist daran nichts, aber Subtilität wäre hier ohnehin fehl am Platz. „Krieg, Mord Und Totschlag“ soll keinen politikwissenschaftlichen Aufsatz ersetzen. Der Song soll seine Wut in weniger als vier Minuten so weit verdichten, dass sie sich anschließend gemeinsam herausschreien lässt. Genau das funktioniert.
Kapitalismus stören, Erinnerungen bewahren
Mit „Sabotage“ gönnt sich die EP einen kleinen stilistischen Schlenker. Die Gitarren klingen beweglicher, der Rhythmus weniger festgelegt und zwischen dem politischen Punkrock tauchen Spuren von angeschrägtem Indie-Punk auf. Der wiederholte Refrain sitzt schnell im Kopf und dürfte live problemlos ein paar Reihen nach vorne ziehen.
Der Text nimmt wirtschaftliche Machtstrukturen, Konzerne und die Verwertung des Menschen ins Visier. Wo Rendite als einzige vernünftige Sprache gilt, werden soziale Verantwortung, Umwelt und Würde schnell zu störenden Nebengeräuschen. Die titelgebende Sabotage lässt sich deshalb nicht nur als Zerstörung verstehen. Sie kann ebenso bedeuten, sich der vollständigen Anpassung zu verweigern, innerhalb eines Systems Sand ins Getriebe zu streuen und nicht jede Zumutung als unvermeidlichen Sachzwang hinzunehmen.
Natürlich bleibt die Kapitalismuskritik ziemlich pauschal. Die Welt teilt sich nicht in fünf Minuten sauber in böse Konzerne und gute Bevölkerung. Trotzdem trifft „Sabotage“ einen wunden Punkt: Wer über große wirtschaftliche Macht verfügt, benötigt Kontrolle. Freiwillige Selbstbeschränkung gehört schließlich nicht unbedingt zu den zuverlässigsten Eigenschaften eines Systems, das Erfolg fast ausschließlich in Wachstum und Gewinn misst.
Den stärksten Song haben sich die Edelweisspiraten für den Schluss aufgehoben. „Zeugen Der Zeit“ beschäftigt sich mit dem Verschwinden der letzten Menschen, die Nationalsozialismus, Krieg, Verfolgung und Widerstand persönlich erlebt haben. Wenn ihre Stimmen verstummen, geht die Verantwortung für das Erinnern endgültig auf die folgenden Generationen über. Geschichte darf dann nicht zu einer jährlichen Pflichtveranstaltung mit Kranzniederlegung und bedeutungsschweren Gesichtern schrumpfen.
Der Song fragt vielmehr, weshalb Gewalt, Unterdrückung und Ausgrenzung immer wieder in neuen Formen zurückkehren. Rohstoffe wechseln, Feindbilder werden ausgetauscht und die Fahnen sehen anders aus, doch Manipulation, religiöser Fanatismus, Nationalismus und die Sehnsucht nach starken Führungspersonen bleiben erschreckend brauchbare Werkzeuge. Erinnerung bedeutet deshalb nicht nur zu wissen, was geschehen ist. Sie bedeutet, die Mechanismen zu erkennen, bevor sie erneut gesellschaftsfähig werden.
Auch musikalisch wirkt „Zeugen Der Zeit“ am vollständigsten. Die Rhythmusgruppe spielt zügig und geschlossen, die Gitarren entwickeln mehr Eigenleben und ein sauber eingebautes Solo erweitert den Spannungsbogen. Hier greifen Inhalt und Musik so gut ineinander wie an keiner anderen Stelle der EP. Statt den Zeigefinger lediglich in die Luft zu halten, formuliert die Band eine Verantwortung, die sie selbst einschließt.
Lieber ehrlich angeraut als nachträglich glattgebügelt
Klanglich hört man „Wir Sind Der Widerstand!“ seine DIY-Herkunft an. Die Gitarren geraten in den oberen Frequenzen gelegentlich mit den Becken aneinander, das Schlagzeug könnte an einigen Stellen klarer umrissen sein und Boldis Gesang steht nicht immer vollkommen sauber im Gesamtbild. Wer eine Punkproduktion mit der Trennschärfe moderner Metal-Alben erwartet, dürfte also ein paar rote Markierungen in sein Notizbuch setzen.
Andererseits lebt diese Musik davon, dass sie nicht wie ein sorgfältig geplantes Markenprodukt klingt. Die Aufnahmen besitzen Proberaumtemperatur, ohne in vollständiges Klangchaos abzurutschen. Otschi hält mit seinem Bass den unteren Bereich zusammen, Happo spielt direkt und zweckmäßig, während Body und Pauli genügend kleine Ideen einbauen, um die Stücke voneinander abzugrenzen. Über allem steht Boldi mit einem rauen Gesang, der nicht schön sein will, sondern glaubwürdig.
Was den Edelweisspiraten besonders zugutekommt, ist ihre Erfahrung. Body hat bei BrainDead, Hounded Prisoners und Choking Revenge schließlich schon unterschiedliche Spielarten härterer Musik kennengelernt. Auch Paulis Vergangenheit bei Anal Destination und The Burning Aces hinterlässt Spuren. Deshalb bleibt es nicht beim bloßen Herunterschrubben einfacher Akkordfolgen. Die Songs besitzen Leads, melodische Gegenstimmen, kleine Tempowechsel und Übergänge, die das Material lebendig halten.
Unsere Wertung:
Unser Fazit:
„Wir Sind Der Widerstand!“ ist keine Punk-EP für Leute, die bei jedem politischen Text reflexartig nach der vermeintlich ebenso schlimmen Gegenseite fragen. Die Edelweisspiraten positionieren sich gegen Faschismus, Krieg, Fundamentalismus, wirtschaftliche Ausbeutung und gesellschaftliche Gleichgültigkeit. Daneben bleibt genügend Raum für Freundschaft, Zusammenhalt und die Frage, wie Erinnerung nach dem Tod der letzten Zeitzeugen weitergetragen werden kann.
Musikalisch liefern die Edelweisspiraten griffigen Politpunk zwischen Punkrock, Deutschpunk, Oi! und Hardcore. Die Produktion ist rau, die Refrains funktionieren und hinter den einfachen Grundstrukturen steckt hörbar mehr Erfahrung, als der unbekümmerte Vortrag zunächst vermuten lässt. Ein Jammer nur, das der Tontechniker absolut schlampig agiert hat. Und dennoch: „Es Brennt“ „Edelweisspiraten“, „All Die Ganzen Jahre“ und „Zeugen Der Zeit“ bleiben hängen. Keine makellose EP, aber eine ehrliche, wichtige und ziemlich lebendige.
Kritik von: Martin „Otte“ Örtel

Trackliste:
- Edelweisspiraten – 03:46
- All Die Ganzen Jahre – 04:26
- Es Brennt (In Unserer Stadt) – 04:16
- Krieg, Mord Und Totschlag – 03:54
- Sabotage – 03:29
- Zeugen Der Zeit – 04:33
Credits:
Interpret: Edelweisspiraten
Titel: Wir Sind Der Widerstand!
Herkunft: Vöcklabruck, Österreich
Format: EP | Vinyl, Digital und Bandcamp Edition
Originalveröffentlichung: 13. Oktober 2023
Neuauflage: Sommer 2026
Spielzeit: 24:24 Minuten
Genre: Politpunk | Punkrock | Deutschpunk | Oi! | Hardcore Punk
Label: NRT-Records
Besetzung:
Boldi – Leadgesang
Body – Gitarre und Gesang
Pauli – Gitarre und Gesang
Otschi – Bass und Gesang
Happo – Schlagzeug
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