Was kommt dabei heraus wenn man ein paar Punkrocker zuviel Start Wars und Mars Attacks schauen, oder Comics lesen und Space Invaders zocken lässt? Im Fall von Thin Lassie eine EP, die klingt, als hätte jemand ein vergilbtes Science-Fiction-Heft, eine Ladung Ruhrpott-Dreck und vier Dosen warmes Bier gleichzeitig in den Verstärker gekippt. „Invaders From Venus“ ist keine geschniegelt auf Retro getrimmte Konzeptnummer, sondern ein herrlich schräger Bastard aus Punk, Nerdkultur, Satire und B-Movie-Wahn, den man schon von The Misfits kennt.
Die Truppe aus Duisburg hat hörbar Spaß an ihrem eigenen Irrsinn, verliert dabei aber nie den Zugriff auf Melodie, Timing und den nötigen Druck. Dass mit Danu alias Wolle Pannek ein Veteran von Eisenpimmel und mit Dirk Löber seines Zeichens Trommler von Vier Meter Hustensaft an Bord sind, macht sich sofort bemerkbar: Das Material ist auf Kante genäht, kompakt arrangiert und genau so schmutzig produziert, wie diese Art von Platte es braucht. Dazu kommt Alex mit Gesang und Synthesizer, während Andy am Bass den Laden geerdet hält. Klingt bescheuert? Ist es auch. Aber eben auf die gute Weise.
Galaktischer Nonsens mit Haltung
Schon „Scruffy Looking Nerf Herder“ macht klar, dass Thin Lassie keinen Bock auf austauschbaren Deutschpunk von der Stange haben. Der Song nimmt sich die Figur Han Solo vor und zeichnet sie nicht als geschniegelt-polierten Lichtschwert-Nachbarn, sondern als windigen Außenseiter mit Dreck an den Stiefeln, schiefem Moralkompass und trotzdem unverwüstlicher Coolness. Musikalisch passt das wie der berühmte Blasterschuss ins Ziel: Das Riff schiebt, der Bass grummelt mit ordentlich Bodenhaftung, und Dirk Löber hält das Ganze mit einem schnörkellosen, treibenden Beat zusammen. Gerade weil die Band nicht versucht, künstlich kompliziert zu wirken, funktioniert der Song so gut. Das Arrangement ist straff, der Refrain bleibt hängen und Alex setzt dem Ganzen mit seinem nasal zugespitzten Vortrag die Krone auf. Der Vergleich mit Roger aus American Dad drängt sich tatsächlich auf, allerdings nicht als billiger Gag, sondern als echten Zufall: Diese Stimme gibt den Songs eine Karikaturenschärfe, die perfekt zum Comic-Ton der EP passt.
Wenn die Venus zurückschlägt
Der Titeltrack „Invaders From Venus“ zieht danach das Scheunentor auf und lässt den ganzen Irrsinn herein. Alarmierende Sirenen, ein sofort zündendes Leadriff und dann ab in den Vorwärtsgang. Inhaltlich malt die Band kein heldenhaftes Weltraumabenteuer, sondern eine bitterböse Invasionsfantasie, in der Unterdrückung, Gedankenkontrolle und Massenmanipulation hinter grellbunten Sci-Fi-Bildern hervorlugen. Gerade das ist clever gelöst: Die Story bleibt comichaft überzeichnet, kippt aber nie in stumpfen Klamauk. Dazu kommt ein wunderbar spleeniger Orgelsound, der den Song noch ein Stück schiefer und charmanter macht. Thin Lassie beherrschen hier die Kunst, aus denkbar einfachen Mitteln maximalen Effekt zu holen. Die Komposition ist direkt, die Melodie sitzt, und das Zusammenspiel aus Gitarren, Rhythmussektion und Keys entwickelt einen Sog, der weit über das hinausgeht, was viele Genrekollegen mit ihrer Drei-Akkorde-Pflichterfüllung zustande bringen.
Reptilien, Herzschmerz und Reviererfahrung
Mit „The Lizard Men“ feuern Thin Lassie dann eine wunderbar durchgeknallte Breitseite auf Verschwörungsgläubige, QAnon-Jünger und sonstige Aluhut-Astronauten ab. Der Song rast mit Hardcore-Kante durch die Kurve, die Chöre sitzen an den richtigen Stellen und alles schreit nach verschwitztem Clubboden und fliegenden Bierbechern. Hier zeigt die Band nicht nur Witz, sondern auch spielerisches Gespür: Die Dynamik ist sauber gesetzt, die Instrumente greifen ineinander, und trotz aller Raserei bleibt das Stück nachvollziehbar gebaut. „My Ex From Mars“ nimmt danach den Liebeskummer, steckt ihm einen Raumanzug über und schickt ihn mit Oh-la-la-Chören, Synth-Tupfern und einem herrlich frechen Solo von Danu zurück ins All. Gerade dieser Abschluss zeigt noch einmal, wie gut Produktion und Arrangement funktionieren. Dirk Löber gibt der EP genug Biss und Transparenz, damit die Songs nicht zu Brei verlaufen. Dass Thin Lassie bereits durch den Ruhrpott-Untergrund, das INDIE Fresse Festival, den Sounds Like Duisburg-Sampler, KULT41 und auch Konzerte im Don’t Panic marschiert sind, hört man diesem Material an. Das ist keine zusammengestolperte Spaßkapelle, sondern eine Band mit Szenehintergrund, Profil und dem richtigen Instinkt für comicartige Zuspitzung. Die Tatsache, dass die Veröffentlichung auch als CD mit Comic erscheint, wirkt da nicht wie Bonus-Gimmick, sondern wie die einzig logische Verpackung.
Unsere Wertung:
Unser Fazit:
Thin Lassie erfinden das Rad zwar nicht neu, aber sie lackieren es in Neonfarben, kleben einen Alien-Sticker drauf und jagen es mit Vollgas durch den nächsten Proberaum. „Invaders From Venus“ ist eine kurzweilige, scharf arrangierte und angenehm bekloppte Space-Punk-EP, die Witz, Druck und Ohrwurmqualität ziemlich lässig unter einen Helm bekommt.

Trackliste
- Scruffy Looking Nerf Herder
- Invaders From Venus
- The Lizard Men
- My Ex From Mars
Credits
Interpret: Thin Lassie
Titel: „Invaders From Venus“
Herkunft: Duisburg, Deutschland
Format: EP / CD + Comic
VÖ: 20. März 2026 / Deluxe: Juni 2026
Genre: Space-Punk | Punk Rock | Pop Punk |
Label: NRT-Records
Line-Up:
Alex : Gesang & Synthesizer
Danu aka. Wolle Pannek : Gitarre & Hintergrundgesang
Andy : Bass & Hintergrundgesang
Dirk Löber : Schlagzeug
Produktion: Thin Lassie
Mix & Mastering: Dirk Löber
Mehr zu Thin Lassie im Netz
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Thin Lassie bei Bandcamp:
https://thinlassie.bandcamp.com
Thin Lassie bei Spotify anhören:
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