Im Laufe der Zeit kann viel mit einer Band passieren. In dieser Spanne lösen sich manche Gruppen leise auf, andere werden zu Legenden, und wieder andere tauchen plötzlich wieder auf – oft mit dem Beigeschmack von Nostalgie. Shepherds Of Cassini umgehen diese Falle elegant: In Thrall to Heresy klingt nicht nach „Wir wollten nochmal“, sondern nach „Wir mussten nochmal“. Als hätte sich der Druck über Jahre aufgebaut und jetzt in einem einzigen, sorgfältig orchestrierten Ausbruch entladen. Die Band aus Auckland bleibt ihrem Markenkern treu – psychedelische Weite, progressive Verschachtelung, metallische Wucht – wirkt aber gleichzeitig erwachsener, fokussierter und, ja, auch selbstbewusster als früher.
Was bei vielen Prog-Releases schnell zum Problem wird, ist die Balance: Entweder verliert man sich im Gezirpe oder man presst alles auf den „Hier ist der Refrain“-Knopf. In Thrall to Heresy entscheidet sich für einen dritten Weg. Das Album ist ambitioniert, aber nicht eitel. Komplex, aber nicht kompliziert. Es will dich nicht mit Notenwerten beeindrucken, sondern mit einer Dramaturgie, die vom ersten Ton an wie ein zusammenhängender Trip wirkt – mit einer klaren Richtung, auch wenn zwischendurch der Nebel dichter wird.
Sounddesign statt Muskelspiel: Warum das hier nicht nach Labor klingt
Ein zentraler Unterschied zu vielen modernen Produktionen: Der Sound hat Körper. Shepherds Of Cassini (gemeinsam mit Dave Rhodes) setzen auf Tiefe und Kontur statt auf klinische Glätte. Der Bass ist nicht bloß „unten“, sondern ein tragendes Element, das den Songs Gewicht verleiht. Die Drums sitzen fett im Raum, ohne alles plattzudrücken. Und die Gitarren? Mal riffend wie eine Wand, mal schneidend, mal schimmernd – häufig durch Effekte gejagt, aber nie so, dass aus dem Sound eine reine Effektparade wird. Das Album klingt groß, aber nicht künstlich groß. Es ist wie ein Raum, in dem wirklich gespielt wird, nicht wie ein Screenshot aus einer Plugin-Kette.

Das wichtigste Puzzleteil bleibt dabei die Electric Violin. Felix Lun nutzt sie nicht als „Seht her, wir haben Geige“-Gimmick, sondern als zweite melodische Instanz neben der Gitarre. Manchmal führt sie, manchmal umspielt sie, manchmal schneidet sie wie ein dünner Lichtstrahl durch die Dunkelheit. Gerade weil sie nicht permanent im Vordergrund steht, wirkt sie dann umso stärker, wenn sie sich doch mal nach vorne schiebt.
Die Band als Maschine: Vier Leute, ein gemeinsamer Puls
Dass dieses Album so geschlossen wirkt, liegt vor allem am Zusammenspiel. Omar Al-Hashimi trommelt nicht wie ein Prog-Drummer, der jede Lücke mit Fill-Feuerwerk füllen muss, sondern wie jemand, der den Song atmen lässt – und genau dann zuschlägt, wenn es dramaturgisch Sinn ergibt. Seine Patterns haben Wucht, aber auch Groove; sie wirken oft wie ein Motor, der nicht nur antreibt, sondern die Richtung vorgibt. Vitesh Bava ergänzt das mit einem Basssound, der mal fuzzig knurrt, mal sauber schiebt, aber immer präsent bleibt. Dieses Duo ist das amtliche Fundament, das die Band auch in den psychedelischen Ausfransungen zusammenhält.

Über diesem Fundament stapelt Brendan Zwaan eine bemerkenswert vielseitige Performance: Gitarre, Keys und Vocals greifen ineinander, ohne sich gegenseitig zu überfrachten. Seine Stimme kann melodisch, fragil und fast beruhigend wirken – und kippt bei Bedarf in schärfere, harsche Bereiche, die nicht wie „Pflichtprogramm“ klingen, sondern wie ein notwendiger Stimmungswechsel. In Kombination mit Felix Luns Violine entsteht ein Dialog aus Melodie und Textur, der selten nach konventionellem Lead-/Rhythmus-Schema funktioniert. Eher wie zwei Erzähler, die denselben Film aus unterschiedlichen Blickwinkeln kommentieren.
Die Songs: Acht Stationen, die sich gegenseitig verstärken
Dass In Thrall to Heresy keine Track-by-Track-Sammlung ist, hörst du sofort: Die Stücke stehen in Beziehung zueinander. Dennoch hat jeder Song ein eigenes Profil. „Usurper“ eröffnet als mächtiger Longtrack, der früh klarstellt, dass die Band nicht mit halben Sachen zurückkommt. Hier treffen feine, fast vorsichtige Einstiege auf Riffwucht, Taktwechsel auf Sog, und das Ganze wirkt wie ein selbstbewusster Startschuss: komplex, aber zielgerichtet.
„Shifting Gleam“ ist das kurze Zwischenspiel, das mehr ist als nur Füllmaterial. Es wirkt wie ein kurzer Perspektivwechsel, ein Atemzug im Halbdunkel – eine kleine, schimmernde Kante, die den nächsten Block umso schwerer wirken lässt. Danach zieht „Slough“ die Schraube wieder an: ein Song, der sich zäh vorarbeitet und atmosphärisch stärker auf psychologische Spannung setzt. Die Vocals sind hier oft verfremdet und wirken wie ein inneres Selbstgespräch, das in einem leeren Raum zurückhallt. Der Song packt nicht über „Hook“, sondern über Stimmung und schleichende Verdichtung.
Mit „Vestibule“ wird es filmisch. Instrumental, aber keineswegs neutral. Die Drums wirken wie ein schweres Rollen, das sich langsam nähert, während Synth-Flächen und Soundeffekte eine unruhige, fast rituelle Atmosphäre aufbauen. Und dann: „Red Veil“. Wenn man einen Song als „relentlessly heavy“ bezeichnen will, ohne dass es nach Werbetext klingt – hier passt es. Der Track wirkt wie eine konzentrierte Ladung Aggression, die trotzdem clever gebaut ist: rhythmisch verzahnt, mit einer Violine, die nicht „drüber“ liegt, sondern sich in die Riffs einhakt. Die harschen Gesangspassagen bekommen hier Raum, ohne dass das Album in reines Extrem-Metal-Gebrüll kippt.

„Mutineers“ fungiert danach als Übergang – nicht als Pause, sondern als Kippmoment. Ein Stück, das Spannung umschichtet, Motive vorbereitet und die Bühne für das Finale baut. Denn „Abyss“ ist das große Epos: über 16 Minuten, die sich wie eine Wanderung durch einen Raum anfühlen, in dem die Wände langsam näherkommen. Der Song arbeitet mit langem Aufbau, mit geduldiger Steigerung, und belohnt das mit einem Finale, das doomig zermalmt, ohne je in undifferenziertes Gedröhne zu fallen. Besonders stark: die Art, wie Bass und Drums den Build-up tragen, während Gitarre, Keys und Violine wie Wetterlagen darüberziehen.
Und dann ist da „Threnody“, das instrumentale Schlussstück. Kein bombastischer Abgesang, sondern ein Nachhall. Die Violine bekommt hier eine deutlich emotionalere Rolle, ohne ins Sentimentale abzurutschen. Eher wie ein ruhiger Blick zurück, nachdem der Staub sich gelegt hat. Ein Schlusspunkt, der nicht alles „auflöst“, sondern das Album würdevoll ausklingen lässt.
Warum das funktioniert: Gewicht, Geschmack und Geduld
Das Album gewinnt nicht, weil es die meisten Noten pro Minute spielt, sondern weil es seine Mittel klug dosiert. Die Effekte wirken organisch, die Arrangements sind dicht, aber übersichtlich, und selbst in langen Passagen bleibt ein Gefühl von Richtung. Man merkt, dass hier vier Musiker zusammenspielen, die nicht nur ihre Parts beherrschen, sondern auch wissen, wann sie sich zurücknehmen müssen, damit ein Motiv wirken kann.
Gleichzeitig ist In Thrall to Heresy angenehm unmodisch. Es versucht nicht, zeitgeistig zu sein, es versucht, stimmig zu sein. Und diese Stimmigkeit – dieses „aus einem Guss“ – ist am Ende der größte Trumpf. Wer auf Prog steht, aber die sterile Hochglanzkante satt hat, bekommt hier ein Album, das nach echter Band klingt. Wer Post-Metal mag, findet die langen Bögen und die Schwere. Und wer einfach nur gutes Songwriting mit Charakter sucht, wird überrascht sein, wie zugänglich das Ganze trotz aller Komplexität ist.
Unsere Wertung:
Unser Fazit:
Shepherds Of Cassini melden sich mit In Thrall to Heresy nicht nur zurück, sie setzen sich wieder an den Tisch – und zwar nicht an den Kindertisch. Das Album ist schwer, psychedelisch, detailreich und zugleich erstaunlich geschlossen. Es lebt vom Zusammenspiel, vom amtlichen Fundament aus Bass und Schlagzeug, von einer Violine, die Geschmack beweist, und von einem Songwriting, das lange Spannungsbögen wirklich tragen kann. Ein Comeback, das nicht nach Pflicht klingt, sondern nach Konsequenz.
Mehr Zu Shepherds Of Cassini im Netz:
Shepherds Of Cassini – Die offizielle Webseite:
https://www.shepherdsofcassini.com/
Shepherds Of Cassini – Bei Instagram:
https://www.instagram.com/shepherdsofcassini
Shepherds Of Cassini – Bei den Musikdiensten (linksammlung):
https://www.shepherdsofcassini.com/music/inthralltoheresy

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