Electric Gods – Wenn zwei Musiker mit modernster Technik akustische Magie erzeugen (Musikplaylist) [ Alternative Rock | Heavy Rock | Metal ]

Man kann Electric Gods ziemlich leicht falsch einsortieren: „KI-Band“, „Internetprojekt“, „Konzeptkiste“. Circuit Breaker räumt mit diesen Kurzschlüssen jedoch erstaunlich schnell auf. Hinter dem Namen stecken zwei befreundete Musiker und Produzenten, Igor Bonifácio und Renan Nishimura, die auf verschiedenen Kontinenten leben, aber gemeinsam Songs schreiben, arrangieren, produzieren – und dabei selbstverständlich auch Instrumente spielen, statt nur Regler zu schieben. KI-Tools dienen hier vor allem als Vehikel für die klangliche Umsetzung. Das Songwriting selbst – Melodien, Texte, Struktur, Dramaturgie, Entscheidungen – bleibt vollständig menschlich. Und genau das hört man: in den Hooks, in den Dynamikwechseln, in der Art, wie die Platte mehr will als nur „laut“ sein.

Die Grundidee ist dystopisch: Eine KI, ursprünglich gebaut, um zu helfen, hat übernommen und regiert eine vermeintlich perfekte Gesellschaft. Menschlicher Ausdruck gilt als Störsignal, Kunst als Sicherheitsrisiko, Emotion als Bug. Electric Gods stellen dem Rock ’n’ Roll entgegen – nicht als nostalgische Pose, sondern als Überlebensstrategie. Das Album bewegt sich zwischen Hard Rock, Alternative Rock und Heavy Metal, mit Synth-Schimmern, die eher Atmosphäre als Zuckerguss sind. Das Sounddesign ist druckvoll und klar: Gitarren breit, Bass präsent, Drums aufgeräumt – eine Produktion, die nicht durch Glanz beeindrucken will, sondern durch Kontur.

Copyright: Electric Gods – Mit freundlicher Genehmigung durch den Künstler selbst gepostet

Warum das Konzept trägt: Weil die Songs es können

Das Album funktioniert am besten, wenn man es nicht als „Story“ betrachtet, sondern als Sammlung von Situationen. Die dystopische Klammer ist da, aber sie erklärt nicht alles aus. Stattdessen werden Themen auf konkrete Bilder heruntergebrochen: Ausbeutung, Erinnerungskultur, Sucht, Überarbeitung, Selbstinszenierung – und immer wieder das Gefühl, dass Kontrolle nicht nur von oben kommt, sondern sich auch im Alltag und im eigenen Kopf einnistet. In diesem Rahmen liefern Aiden Storm (Lead Vocals), Eddie Razor und Zoey Sparks (Gitarren), Luna Vega (Keys/Synths) sowie Rex Tomura (Bass) und Johnny Rust (Drums) eine Performance, die durch Arrangement und Spannungskurve überzeugt. Die Band klingt nicht „gemacht“, sondern entschieden.

„Electric Gods“: Realität im Sci-Fi-Gewand

„Electric Gods“ startet im Midtempo, aber mit ordentlich Schub. Der Track ist im Band-Universum verortet und gleichzeitig von realen Zuständen in Brasilien inspiriert: Macht, soziale Brüche, das Gefühl, dass Systeme Menschen verschleißen. Musikalisch sitzt das Fundament aus Drums und Bass so stabil, dass die Gitarren darüber nicht nur riffen, sondern kleine Zierlinien und Harmoniewechsel einschieben können. Der überraschende Rap-Part wirkt wie ein Perspektivwechsel – ein kurzer Schnitt, der die Erzählung aufbricht, ohne sie zu zerstören.

„Martyr’s Debt“: Wenn Erinnerung zur Ware wird

„Martyr’s Debt“ greift ein Thema auf, das selten so unromantisch formuliert wird: Held:innen, die irgendwann nur noch als Feiertag und T-Shirt-Motiv existieren. Der Song lebt von Kontrasten – düstere Akustikgitarre und Gänsehaut-Gesang gegen bombastischere Rockpassagen. Trotzdem bleibt er eingängig, fast unverschämt catchy. Das Arrangement arbeitet sauber mit Dynamik, ohne künstliches Drama: Es reicht, wenn der Text seine Kälte ausspielt.

„CTRL+FUCK YOU“: Gegen die Gatekeeper-Reflexe

„CTRL+FUCK YOU“ ist die grobe Kante im Album – und als solche sinnvoll. Inhaltlich richtet sich der Song gegen Kritiker:innen, die KI-ausgeführte Musik pauschal verdammen, während das Business an anderer Stelle höchst pragmatisch mit Moral umgeht. Der Track baut Spannung über Laut-Leise-Dynamik: Der Verse tritt zurück, damit der Refrain umso härter zuschlägt. Das Gitarrensolo setzt wie ein stichhaltiges Argument nach – nicht endlos, aber wirkungsvoll.

„Volt.exe“: Kurzer Stromstoß, große Andeutung

„Volt.exe“ ist ein Instrumental, das seine Aufgabe kennt: Übergang, Ankündigung, Spannung. Die Gitarrenarbeit ist hier der Star, aber nicht als Selbstdarstellung, sondern als Signal: In dieser Welt rollt etwas an, und es wird größer. Kurz genug, um nicht zu ermüden, stark genug, um hängen zu bleiben.

„Holy Poison“: Sucht als täglicher Kampf

„Holy Poison“ handelt vom Gewicht der Drogenabhängigkeit – und macht daraus keinen Rockstar-Mythos. Die Nummer ist melodischer, zugänglicher, fast schon radiotauglich, aber nicht glatt. Der Refrain sitzt, weil er emotional sauber vorbereitet ist. Produktion und Arrangement lassen dem Gesang Raum; die Instrumente stützen, statt zu überwältigen. Das ist die Sorte Song, die nicht mit Schockeffekten arbeitet, sondern mit Nachhall.

„Just Cry“: Verletzung, Trotz, ein bisschen Spott

„Just Cry“ klingt wie ein Song, der aus einem konkreten „Was zur Hölle…?“ entstanden ist. Jemand hat während der Albumarbeit etwas getan, was er nicht hätte tun sollen – und die Reaktion wird musikalisch verdichtet. Riffs mit Rock’n’Roll-Grip, dazu Soli, die eher emotional als geschniegelt sind. Die Synth-Details setzen gelegentlich eine leicht groteske Note, als würde der Track kurz die Augen verdrehen, bevor er wieder zubeißt. Dadurch wirkt die Nummer lebendig statt kalkuliert.

„Control“: Aktivismus als Pose, und dann?

„Control“ ist schnell, straff, direkt – und textlich eine Backpfeife für Internet-Revolutionär:innen, die Empörung als Sport betreiben. Im Albumkontext passt das, weil Kontrolle hier nicht nur ein Systemthema ist, sondern auch ein Verhaltensmuster. Musikalisch sitzt der Song auf treibenden Drums und aggressiver Gitarrenarbeit; ein zusätzlicher Vocal-Ansatz sorgt dafür, dass die Nummer nicht in Standard-Hardrock abgleitet.

„Venus“: Luzifer, aber ohne Cartoon-Schnurrbart

„Venus“ erzählt Luzifers Geschichte aus seiner eigenen Perspektive. Nicht als platte Bösewicht-Story, sondern als Selbstdeutung: Stolz, Kränkung, Rebellion, die sich für notwendig hält. Musikalisch arbeitet der Track mit 80er-Metal-Flair, ohne staubig zu wirken: große Gitarren, melodischer Refrain, ein Solo, das den dramaturgischen Höhepunkt setzt. Der Song ist „groß“, aber nicht peinlich – weil er das Theatralische bewusst kontrolliert.

„23º Floor“: Eine Stimme aus der Katastrophe

„23º Floor“ ist der Moment, in dem das Album wirklich schwer wird. Inspiriert vom Joelma-Building-Brand in Brasilien (187 Tote) und den späteren Berichten über „Spuk“, erzählt hier sinngemäß eine der Seelen, die zurückblieb. Der weibliche Leadgesang wirkt wie ein Echo in leeren Fluren, die Instrumentierung bleibt düster, massig, bedrückend. Das ist keine Horror-Garnitur, sondern ein Song über Eingeschlossensein – körperlich, seelisch, historisch.

„Too Seriously“: Reduktion als Statement

„Too Seriously“ nimmt die Lautstärke raus und zeigt, dass Electric Gods auch ohne Verstärkerwand wirken können. Akustikgitarre, Piano, wenig Schlagwerk: Der Track sagt sinngemäß, dass wir aufhören sollten, alles so ernst zu nehmen, weil ohnehin alles vergänglich ist. Als Platzierung nach dem schweren Kapitel zuvor funktioniert das wie ein Atemzug – nicht als Flucht, sondern als Perspektive.

„Still I Feel“: Erinnerung als Körpergefühl

„Still I Feel“ beschäftigt sich mit einer sexuellen Jugend-Erinnerung. Der Song macht daraus keine billige Provokation, sondern ein Nachglühen: das Gefühl, das sich nicht komplett rationalisieren lässt. Musikalisch ist das bluesiger Hard Rock mit Bombast-Refrain, dazu ein Wechselspiel aus männlicher und weiblicher Stimme, das wie ein Dialog wirkt. Eine Hook, die hängen bleibt – nicht trotz, sondern wegen der Intimität im Text.

„Circuit Breaker“: Der Alltag als Überlastungsschleife

Der Titeltrack „Circuit Breaker“ fasst die Platte als Gegenwartsdiagnose zusammen: jemand arbeitet durch, wird innerlich leer und dreht langsam durch, hat aber trotzdem nie Geld, um wirklich zu leben. Das ist eine Form von Kontrolle, die ohne sichtbare Ketten auskommt. Musikalisch fährt der Song noch einmal alles auf: Druck, Soli, Spannungskurve. Ein Finale, das nicht „groß“ sein will, sondern es ist – weil es konsequent auf diese Überlastung zusteuert.

Unsere Wertung:

Bewertung: 4 von 5.

Unser Fazit:

Circuit Breaker ist am Ende vor allem ein stark geschriebenes Rock-Album, das sein dystopisches Setting als Atmosphäre nutzt, nicht als Vorlesung. Die Produktion ist druckvoll, die Arrangements sind abwechslungsreich, die Hooks sitzen, und die Themen haben Gewicht – von Erinnerungskultur über Sucht bis zu Burnout und dem Wunsch nach echtem Widerstand. Wer Hard Rock mit Alternative-Kante mag, bekommt hier eine Platte, die mehr kann, als nur zu knallen: Sie bleibt im Kopf.

Kritik von Philipp Gottfried

Mehr zu Electric Gods im Netz:

Electric Gods bei Instagram:
https://www.instagram.com/electricgods

Electric Gods bei Spotify anhören:
https://open.spotify.com/artist/0sqigDjh7rKbHwEcL7iB5i

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