Maschinenmusik mit Hirn, Herz und ordentlich Schmutz unter den Fingernägeln: Android 86 ist eines dieser Projekte, bei denen man nach zwei Minuten merkt, dass hier nicht einfach ein paar Riffs in einen Rechner geworfen wurden, bis hinten ein Song herausfällt. Hinter dem Namen steckt Anthony Damasco, ein kreativer Vielarbeiter zwischen Gitarren, Programmierung, Science-Fiction, Gaming-Kultur, Storytelling und diesem gewissen Drang, aus einzelnen Songs gleich ganze Welten zu bauen. Kurz gesagt: Android 86 klingt nicht nach Proberaum, Bierkasten und Zufall, sondern nach Konzept, Kontrollraum und zu viel Kaffee um drei Uhr nachts.
Der besondere Reiz liegt dabei in der Verbindung aus Industrial Metal, elektronischer Härte, cineastischen Klangflächen und erzählerischem Unterbau. Jede Nummer startet bei Android 86 mit einer Idee, einer Szene, einer Figur oder einem Konflikt. Erst danach kommen Gitarren, Bass, Drums, Synthesizer und die beiden vokalen Persönlichkeiten Lyra und Riot ins Spiel. Während Riot eher für Aggression, Trotz und rohe Energie steht, bringt Lyra eine hellere, fremdartigere und oft beinahe entrückte Seite in den Sound. Genau diese Spannung macht die vier neuen Singles so interessant.
Mit „Temporal Struggle“, „King Of Cheese!“, „Among The Tall Ones She Walked“ und „After The Huntress Fell“ zeigt Android 86 gleich mehrere Gesichter: mal düster und gehetzt, mal frech und tanzbar, mal episch und gothiclastig, mal kompromisslos schnell und sci-fi-getränkt. Das ist nicht immer geradlinig, aber genau deshalb spannend. Wer seinen Industrial Metal gerne mit Story, Kante und einem Schuss Wahnsinn serviert bekommt, sollte hier genauer hinhören.
Android 86 – „Temporal Struggle“
Bei „Temporal Struggle“ ist’s nichts mit freundlichem Anklopfen, sondern eher mit einem elektronischen Schatten, der sich langsam über den Raum legt. Der bedrohliche Synth-Auftakt zieht sofort eine ungemütliche Spannung auf, als würde irgendwo im Hintergrund eine riesige Uhr nicht mehr ticken, sondern drohen. Thematisch passt das hervorragend, denn der Song beschäftigt sich mit dem ständigen Kampf gegen Zeit, Termine, Pflichten, Schlafmangel, Arbeit, Familie, Bildschirme und all die kleinen Alltagsmonster, die einen ununterbrochen vorwärtsschieben.
Musikalisch bewegt sich die Nummer in einem schweren Midtempo, das weniger sprintet als marschiert. Die akustischen Gitarren geben dem Stück eine fast verletzliche Färbung, bevor Bass und verzerrte E-Gitarren die Luft merklich verdichten. Das Ergebnis klingt wie ein innerer Monolog in einer Fabrikhalle: dunkel, angespannt, mechanisch und doch erstaunlich menschlich. Die elektronischen Drums halten den Groove fest im Griff, während die Gitarren den leicht verzerrten Gesang durch das Arrangement tragen.
Stark ist vor allem, wie Android 86 die einzelnen Klangschichten aufeinanderlegt. Synthesizer, verzerrte Streicher und cineastische Effekte wirken nicht wie Zierrat aus der Preset-Kiste, sondern wie gezielt gesetzte Nadelstiche. Jeder Sound arbeitet an dieser Stimmung aus Druck, Erschöpfung und kosmischer Unruhe mit. Der Song ist damit kein stumpfer Industrial-Klotz, sondern eine sauber aufgebaute Klanglandschaft, in der jedes Element seinen Platz bekommt.
Der weibliche Gesang verleiht „Temporal Struggle“ schließlich jene emotionale Höhe, die den Track über bloße Maschinenmusik hinaushebt. Er legt sich wie ein kaltes Licht über das dunkle Fundament und sorgt dafür, dass die Nummer nicht nur drückt, sondern auch zieht. Gerade diese Balance aus metallischer Schwere, elektronischer Kälte und melodischer Verletzlichkeit macht den Song so wirkungsvoll. Android 86 liefern hier eine Single, die man nicht einfach konsumiert, sondern eher wie eine düstere Erinnerung an den eigenen Terminkalender mit nach Hause nimmt.
Unsere Wertung:
Unser Fazit:
„Temporal Struggle“ ist ein atmosphärisch dichter Industrial Metal-Track mit starkem Sounddesign, druckvoller Rhythmik und wirkungsvoll eingesetztem weiblichem Gesang. Die Single lebt von Spannung, Dunkelheit und einem Thema, das im Alltag vermutlich jeder kennt. Der Kampf gegen die Uhr bekommt hier Gitarren, Synthesizer und eine angenehm bedrohliche Schlagseite.

Trackliste
- Temporal Struggle
Credits
Interpret: Android 86
Titel: „Temporal Struggle“
Project Lead: Anthony Damasco
Format: Single
VÖ: nicht angegeben
Laufzeit: nicht angegeben
Genre: Industrial Metal | Alternative Metal | Cinematic Metal
Label: Independent
Android 86 – „King Of Cheese!“
Mit „King Of Cheese!“ wechselt Android 86 die Beleuchtung: weniger existenzieller Zeitdruck, mehr neonfarbener Größenwahn im Gaming-Keller. Der Song ist eine augenzwinkernde Verbeugung vor genau jener Sorte Spieler, die niemand in seiner Lobby haben will, die aber trotzdem immer irgendwie auftaucht. Spawncamper, Exploit-Nutzer, Min-Maxer, Regelfuchs, Save-Scummer, Tischumwerfer: „King Of Cheese!“ macht aus diesem toxischen Gewinner-Typen keinen Bösewicht für ein Drama, sondern den Herrscher eines herrlich unfairen kleinen Königreichs.
Der Song selbst ist entsprechend tanzbar, frech und deutlich direkter. Das Tempo zieht an, die Bässe drücken satt, die elektronischen Drums geben dem Arrangement einen elastischen Schub. Die Nummer hat Groove, aber auch Kante. Man kann dazu mit dem Kopf nicken, mit dem Fuß wippen oder innerlich jemanden aus der Brettspielrunde werfen. Alles legitime Reaktionen. Der Basslauf gibt dem Stück eine fast körperliche Präsenz, während die Gitarren ordentlich Zug aufbauen.
Vor allem die Rhythmusgitarren sitzen stark. In ihrer stoischen Präzision erinnern sie an jene Schule des Industrial Metal, die genau weiß, dass ein sauber gesetzter Maschinenriff manchmal mehr Wirkung hat als drei Minuten Griffbrettakrobatik. Trotzdem spart Android 86 nicht an Details. Leads, kleine Breaks, Arrangement-Schnörkel und elektronische Effekte halten den Song in Bewegung. „King Of Cheese!“ ist dadurch nicht bloß ein Gag mit Gitarren, sondern ein sauber komponierter Track mit hohem Wiedererkennungswert.
Der Gesang ist hier besonders wichtig. Die raue männliche Stimme übernimmt die Rolle des großmäuligen Triumphators, während der weibliche Gesang einen fast engelsgleichen Kontrast liefert. Dieses Wechselspiel aus Riot und Lyra funktioniert hervorragend, weil es die Absurdität des Themas noch verstärkt. Unten poltert der selbsternannte Champion, oben schimmert die melodische Gegenstimme, und irgendwo dazwischen grinst der Song breit in die Kamera.
Was „King Of Cheese!“ besonders sympathisch macht, ist die Tatsache, dass Android 86 Humor zulässt, ohne musikalisch in Klamauk abzurutschen. Die Hook ist bewusst klebrig, die Energie hoch, das Thema albern genug, um im Kopf zu bleiben, aber die Umsetzung hat Substanz. Das ist Industrial Metal mit Joystick, Lederjacke und einem verdächtig hohen Kontostand an Ingame-Währung. Kurz: unfair, catchy und verdammt unterhaltsam.
Unsere Wertung:
Unser Fazit:
„King Of Cheese!“ ist die wahrscheinlich eingängigste Nummer dieses Viererpacks. Der Song verbindet tanzbaren Industrial Metal, griffige Riffs, starke Bassarbeit, elektronische Effekte und einen herrlich überdrehten Gaming-Humor. Android 86 zeigen hier, dass Konzeptmusik nicht automatisch bierernst sein muss. Manchmal reicht auch ein guter Groove, ein fieser Refrain und ein Königreich aus Käse.

Trackliste
- King Of Cheese!
Credits
Interpret: Android 86
Titel: „King Of Cheese!“
Project Lead: Anthony Damasco
Format: Single
VÖ: nicht angegeben
Laufzeit: nicht angegeben
Genre: Industrial Metal | Alternative Metal | Electronic Rock
Label: Independent
Android 86 – „Among The Tall Ones She Walked“
Mit „Among The Tall Ones She Walked“ öffnet Android 86 die schwere Tür zur großen Erzählung. Die Single basiert auf der Legende um Katherine Wells, ein Mädchen, das angeblich von verborgenen Riesen unter der Erde gerettet und aufgezogen wurde. Schon dieser Stoff klingt, als hätte jemand Gothic Metal, Verschwörungsmythologie, Fantasy-Lore und alte Tagebücher in einen unterirdischen Tempel geworfen. Genau dort scheint der Song auch zu spielen.
Der Einstieg wirkt entsprechend monumental. Elektronisch-klassische Elemente breiten sich fanfarenartig aus und geben der Nummer sofort etwas Feierliches, fast Sakrales. Das ist kein Song, der hastig zur Sache kommt. „Among The Tall Ones She Walked“ nimmt sich Zeit, die Szenerie aufzubauen. Man hört nicht nur eine Band, man hört einen Raum. Tunnel, Schatten, alte Steine, fremdes Wissen und eine Figur, die zwischen zwei Welten feststeckt.
Die Rhythmusinstrumentalisierung bleibt dabei erstaunlich standfest. Obwohl der Song eine epische Breite besitzt, verliert er nicht den Boden unter den Füßen. Die tanzbare Grundspannung hält alles zusammen, während Synthesizer und elektronische Texturen das Arrangement immer weiter öffnen. Hier zeigt Anthony Damasco deutlich, dass Android 86 mehr sein will als ein reines Riff-Projekt. Die Komposition denkt in Bildern, Wendungen und Atmosphäre.
Ganz entscheidend ist der weibliche Gesang. Lyra steht hier klar im Mittelpunkt und trägt die Geschichte mit einer Stimme, die sowohl schön als auch unheimlich wirken kann. Zwischen Sopran-Anmut, kontrollierter Kühle und raueren Momenten entsteht eine enorme Spannung. Die Vocals gehen unter die Haut, weil sie nicht einfach eine Melodie liefern, sondern eine Figur formen. Man glaubt dieser Stimme, dass sie etwas gesehen hat, das größer ist als der Alltag.
Gitarren und elektronische Effekte setzen zusätzliche Akzente, ohne die Stimme zu bedrängen. Die epischen Gitarrensolos fügen sich organisch in den Song ein und verstärken den erzählerischen Charakter. „Among The Tall Ones She Walked“ ist dadurch vielleicht die ausladendste, geheimnisvollste und emotionalste Single dieser Auswahl. Nicht der Song für die schnelle Playlist-Beschallung zwischen zwei Bushaltestellen, sondern eher ein kleines Klangkapitel für Kopfhörer, Dämmerlicht und viel zu viele Gedanken über unterirdische Zivilisationen.
Unsere Wertung:
Unser Fazit:
„Among The Tall Ones She Walked“ überzeugt als atmosphärischer Gothic Industrial Metal-Song mit starker Stimme, epischem Aufbau und dichter erzählerischer Wirkung. Android 86 beweisen hier ein gutes Gespür für große Bilder, dunkle Melodien und cineastische Spannung. Der Track ist weniger Abrissbirne, mehr unterirdische Kathedrale mit Stromanschluss.

Trackliste
- Among The Tall Ones She Walked
Credits
Interpret: Android 86
Titel: „Among The Tall Ones She Walked“
Project Lead: Anthony Damasco
Format: Single
VÖ: nicht angegeben
Laufzeit: nicht angegeben
Genre: Gothic Metal | Industrial Metal | Cinematic Metal
Label: Independent
Android 86 – „After The Huntress Fell“
„After The Huntress Fell“ macht schließlich Schluss mit dem Herantasten und tritt die Tür gleich mit dem Stiefel ein. Die Single ist der schnellste und aggressivste Beitrag dieser Viererstrecke. Wer bei Industrial Metal sofort an treibende Drums, tiefe Gitarren, kehlige Vocals und eine gewisse Static-X-Schlagseite denkt, dürfte hier zügig die Nackenmuskulatur aktivieren. Inhaltlich erzählt der Song von Rache, Verlust, gefallenen Helden und einer Mission, die nach dem Tod der Huntress weitergetragen wird.
Das Setting klingt nach düsterem Sci-Fi-Fantasy-Kino: ruinierte Planeten, alte Technologien, dunkle Kirchen, Satelliten, verlorene Systeme und junge Krieger, die nicht einfach trauern, sondern handeln. Genau diese Energie steckt auch in der Musik. Die Drums treiben gnadenlos nach vorne, die Palm-Mute-Gitarren springen mit mechanischer Härte durch den Mix, und das tiefe Fundament gibt dem Stück eine massive Wucht. „After The Huntress Fell“ ist kein Song, der dekorativ im Hintergrund laufen will. Der steht plötzlich im Raum und verlangt Platz.
Stark ist dabei die Kombination aus Tempo und epischem Unterbau. Trotz aller Kompromisslosigkeit bleibt der Track nicht eindimensional. Chöre, dunkle Synthesizer und spacige Effekte öffnen das Arrangement immer wieder nach oben. Dadurch entsteht ein reizvoller Kontrast: Unten walzen Gitarren und Drums, oben flackert der Sternenhimmel über einer brennenden Ruine. Das ist groß gedacht, aber nicht aufgeblasen. Android 86 behalten die Kontrolle über das Material und wissen, wann der Song Angriff und wann Atmosphäre braucht.
Die männliche Leadstimme dominiert diesmal deutlich. Riot klingt kehlig, tief und entschlossen, fast wie ein Erzähler, der keine Lust mehr auf Zwischentöne hat. Der weibliche Gesang bleibt sparsamer eingesetzt, was dem Track eine andere Gewichtung gibt als den vorherigen Singles. Hier steht nicht das Mystische im Vordergrund, sondern der Vorwärtsdrang. Trauer wird nicht beklagt, sondern in Bewegung verwandelt. Das macht die Nummer so effektiv.
Auch kompositorisch überzeugt „After The Huntress Fell“ durch Fingerfertigkeit und klare Dramaturgie. Die Geschwindigkeit ist hoch, doch die Strukturen bleiben nachvollziehbar. Kleine Wechsel, elektronische Details und der massive Industrial-Rock-Unterbau sorgen dafür, dass der Song packt, ohne sich selbst zu überholen. Das Ergebnis ist ein harter, schneller und erstaunlich bildstarker Track, der klingt, als würde eine letzte Schlacht nicht angekündigt, sondern direkt begonnen.
Unsere Wertung:
Unser Fazit:
„After The Huntress Fell“ liefert die volle Breitseite: schnell, hart, dunkel und mit starkem Sci-Fi-Unterbau. Die Single verbindet kompromisslose Industrial-Metal-Energie mit epischem Sounddesign und einer markanten männlichen Leadstimme. Wer Android 86 von der aggressiveren Seite hören will, bekommt hier genau das richtige Futter.

Trackliste
- After The Huntress Fell
Credits
Interpret: Android 86
Titel: „After The Huntress Fell“
Project Lead: Anthony Damasco
Format: Single
VÖ: nicht angegeben
Laufzeit: nicht angegeben
Genre: Industrial Metal | Industrial Rock | Sci-Fi Metal
Label: Independent
Gesamtfazit
Diese vier Singles zeigen Android 86 als Projekt mit ungewöhnlich breitem Blickfeld. „Temporal Struggle“ liefert dunklen Druck und existenzielle Unruhe, „King Of Cheese!“ bringt tanzbare Frechheit und Gaming-Irrsinn, „Among The Tall Ones She Walked“ taucht tief in gothiclastige Erzählwelten ab, und „After The Huntress Fell“ lässt schließlich die Maschinen mit Vollgas los. Zusammen ergibt das kein zufälliges Single-Paket, sondern einen guten Querschnitt durch die kreative DNA von Anthony Damasco.
Android 86 ist dabei am stärksten, wenn Musik, Storytelling und Sounddesign ineinandergreifen. Nicht jede Idee folgt klassischen Songwriting-Erwartungen, aber genau daraus entsteht Charakter. Hier geht es um Weltenbau, um Rollen, um Klangräume und um eine Form von Industrial Metal, die gerne mal einen Umweg durch Gaming-Kultur, Sci-Fi-Lore, Gothic-Pathos und elektronische Dunkelheit nimmt. Für Puristen vielleicht eine Spur zu eigenwillig, für neugierige Metalheads aber gerade deshalb lohnend.
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