DIE DORKS haben sich über die letzten Releases konsequent aus jeder Komfortzone herausgeschrieben und -gespielt. Nach „Die Maschine von morgen“, der Akustik-EP „Sind das noch wir“ und „Geschäftsmodell Hass“ steht mit „Unberechenbar“ nun der nächste große Schritt an – nicht als kalkulierte Kurskorrektur, sondern als Album, das Kante zeigt und gleichzeitig Struktur besitzt. Der bekannte Dreikampf aus Härte, Melodie und direkter Sprache bleibt zentral, wird aber enger geführt: weniger Ziellosigkeit, mehr Trefferquote.
Was dabei sofort auffällt: „Unberechenbar“ setzt nicht auf Dauerfeuer um jeden Preis, sondern auf präzises Timing. Die Platte lässt Hooks zu, ohne weichzuzeichnen, und sie packt hart zu, ohne im Lärm zu ersaufen. Das passt zur Band-DNA: zu ruppig für reine Metal-Puristen, zu melodisch für reinen Hardcore, zu eigenständig für die Retro-Ecke – und gerade deshalb relevant.
Sound, Druck, Details
Die Produktion von Eike Freese ( Chameleon Studios ) und Alexander Dietz ( The Dude Ranch ) arbeitet mit klarer Priorität: Transparenz bei maximalem Punch. Gitarren stehen breit und scharf konturiert, der Bass bleibt nicht Staffage, sondern treibt, und das Schlagzeug sitzt trocken genug, um jeden Akzent auszuspielen. „Unberechenbar“ klingt damit nicht nach „aufgedreht“, sondern nach „kontrolliert laut“ – genau der Unterschied, der Songs größer macht, statt sie zuzukleistern.
Besonders stark ist die Balance zwischen Riffgewicht und Beweglichkeit. Viele moderne Heavy-Produktionen ersticken Dynamik im Kompressor – hier passiert das Gegenteil: Breaks atmen, Bridges bauen Spannung, Refrains öffnen, ohne dass die Strophen an Biss verlieren. Für eine Band wie DIE DORKS, die von Wechseln lebt, ist das der entscheidende Hebel.
Stimme, Haltung, Textarbeit
Lisa bleibt das Zentrum von „Unberechenbar“. Die Stimme ist markant, klar verständlich und bewegt sich souverän zwischen melodischer Führung und rauer Attacke. Wichtig: Die Härte wirkt nicht aufgesetzt. Wenn es aggressiv wird, passiert das aus dem Song heraus, nicht als Effektspur. Das gibt der Platte Glaubwürdigkeit – und sorgt dafür, dass selbst eingängigere Passagen nach Kante klingen.
Textlich bleibt DIE DORKS-Territorium: deutsche Direktheit, klare Botschaften, kein unnötiger Nebel. Viele Zeilen zielen auf Selbstbehauptung, Widerstand, gesellschaftliche Reibungspunkte und persönliche Standfestigkeit. Dabei sitzt die Sprache meistens auf dem Beat: kurze Formulierungen, die im Refrain funktionieren, und Strophen, die nicht als Füllmaterial herhalten müssen. Punk-Attitüde, aber sauber abgeliefert – journalistisch betrachtet genau die Mischung aus Aussage und Handwerk, die nicht selbstverständlich ist.
Track-by-Track: Song-für-Song durch „Unberechenbar“
1. „Maximal“
„Maximal“ eröffnet mit breiter Brust und einem Arrangement, das sofort klarmacht, wohin die Reise geht: Druck, Groove, klare Linien. Statt blindem Geballer steht hier ein Song, der sich im Ohr verankert, ohne die Gitarren zu zähmen. Der Refrain ist gebaut für Clubs, in denen mitgeschrien wird, und für Open-Air-Bühnen, auf denen die Band das Tempo diktiert. Ein Auftakt, der das Albumprogramm sauber ankündigt: kompromissbereit ist hier niemand.
2. „Kein Sommer der Liebe“
„Kein Sommer der Liebe“ spielt mit Kontrast: melodische Elemente locken kurz an, dann kippt der Song in eine deutlich härtere Gangart. Das funktioniert, weil die Band Übergänge ernst nimmt: Keine plötzliche Stil-Kollision, sondern ein Arrangement, das Spannung anzieht und im Refrain entlädt. Inhaltlich passt der Titel zur Grundhaltung der Platte – keine Flucht in Wohlfühl-Romantik, sondern klare Ansage.
3. „Solange noch mein Herz schlägt“
„Solange noch mein Herz schlägt“ setzt auf Durchhalte-Impuls statt auf Pathos. Der Song trägt Emotion, bleibt aber handfest: Riffarbeit im Vordergrund, ein Refrain, der auf Zug gebaut ist, und eine Bridge, die dem Stück zusätzliche Wucht gibt. Hier zeigt sich die Stärke von „Unberechenbar“: Selbst bei mehr Gefühl bleibt die Band im Tritt und verliert nie die Spannung.
4. „Kranker Geist“
„Kranker Geist“ gehört zu den Tracks, die den Metal-Anteil deutlicher nach vorne schieben. Gitarren greifen härter, das Tempo sitzt straffer, und Lisa setzt hier spürbar mehr Schärfe in die Stimme. Das Ergebnis: ein Song, der nicht um Zustimmung wirbt, sondern Präsenz erzwingt. Wer DIE DORKS für Kante schätzt, wird hier abgeholt.
5. „Alles zerstören“
„Alles zerstören“ wirkt als Ventil-Track: schneller Zugriff, klare Betonungen, keine Umwege. Besonders live dürfte das Stück zünden, weil es auf Rhythmus-Drang und direkte Refrain-Energie setzt. Gleichzeitig bleibt die Produktion differenziert genug, damit nicht alles in einem Geräuschteppich landet. Genau dieser Mix macht den Song stark: brutal, aber sauber gezeichnet.
6. „Es ist echt“
„Es ist echt“ nimmt Tempo raus, ohne Spannung zu verschenken. Der Fokus liegt stärker auf Groove und Textverständlichkeit. Hier kann der Bass besonders glänzen: tragend, beweglich, mit Läufen, die dem Song Charakter geben. Inhaltlich dreht sich alles um Echtheit und Haltung – eine Kernfrage in einer Szene, in der „Image“ oft lauter ist als Inhalt. DIE DORKS liefern dazu keinen Vortrag, sondern einen Song, der sich in den Nacken setzt.
7. „Kopf frei“
„Kopf frei“ bringt Bewegung in die Albumdramaturgie: weniger Schwere, mehr Drive, ein Riff, das nach vorne schiebt und trotzdem Luft lässt. Das Stück funktioniert als Schnittstelle zwischen den härteren Momenten und den hymnischeren Parts. Ein Song, der den Titel ernst nimmt: Druckabbau, Fokus, wieder gerade stehen.
8. „Lieber in der Hölle herrschen“
„Lieber in der Hölle herrschen“ sitzt als Single mit breitem Refrain und klarer Kante an einer strategischen Position der Platte: Hier wird die Band-Identität auf den Punkt gebracht – melodisch genug für sofortige Wiedererkennbarkeit, hart genug für den Pit. Der Song zeigt außerdem, wie souverän DIE DORKS mittlerweile mit Spannungsaufbau umgehen: Strophe zieht an, Pre-Chorus verdichtet, Refrain trifft.
9. „Such dir keinen neuen Gott“
„Such dir keinen neuen Gott“ arbeitet mit Provokation, aber nicht platt. Der Song zielt auf Autoritätsgläubigkeit, Ersatzreligionen und den Reflex, Verantwortung abzugeben – thematisch passend zur gesamten Platte. Musikalisch steht hier die Rhythmussektion im Mittelpunkt: ein Fundament, das schiebt, darüber Gitarren, die eher führen als dekorieren. Ein Track, der im Albumkontext die inhaltliche Schärfe nach oben zieht.
10. „Exzessive Notwehr“
„Exzessive Notwehr“ bündelt vieles, was „Unberechenbar“ stark macht: straffes Songwriting, druckvolle Produktion, ein Refrain mit hoher Mitnahme und ein Text, der Eskalation nicht romantisiert, sondern als Folge von Druck, Konflikt und Grenzüberschreitung verhandelt. Der Track ist zugleich zugänglich und aggressiv – ein Single-Moment, der im Albumfluss nicht herausfällt, sondern ihn ankurbelt.
11. „Unberechenbar“
Der Abschluss „Unberechenbar“ wirkt als Klammer: thematisch und musikalisch läuft hier vieles zusammen. Der Titelsong ist kein Selbstzitat, sondern ein Statement zur eigenen Unbequemlichkeit – in Sound, Haltung und Text. Wer bis hierhin dabei ist, bekommt keinen ruhigen Abspann, sondern einen finalen Schub, der die Platte konsequent zumacht.
Stärken und mögliche Reibungspunkte
„Unberechenbar“ punktet besonders in drei Bereichen: Erstens im Sounddesign, das Härte und Lesbarkeit nicht gegeneinander ausspielt. Zweitens in der stimmlichen Bandbreite von Lisa, die Melodie und Rauheit gleichwertig bedienen kann. Drittens im Songwriting, das Übergänge und Spannungsbögen ernst nimmt. Dadurch entsteht ein Album, das sowohl im Kopfhörer als auch im Proberaum-Kontext funktioniert.
Reibung kann dort entstehen, wo Schubladenbedürfnis dominiert. DIE DORKS liefern keinen einheitlichen „Stil-Teppich“, sondern arbeiten mit Kanten, Wechseln und bewusst gesetzten Kontrasten. Das ist Teil der Identität – und es verlangt Aufmerksamkeit. Wer ausschließlich einen linearen Durchmarsch erwartet, bekommt hier stattdessen Dramaturgie.
Unsere Wertung:
Unser Fazit:
DIE DORKS liefern mit „Unberechenbar“ ein Album, das die eigene Mischung aus Punk-Attitüde, Metal-Gewicht und melodischer Klarheit konsequent weiterführt. Die Platte wirkt fokussiert, druckvoll und handwerklich sauber – ohne den Charakter zu glätten. Inhaltlich bleibt es unbequem, musikalisch bleibt es beweglich, und die Produktion sorgt dafür, dass jeder Schlag sitzt. Für alle, die deutschsprachige Rockmusik mit Haltung, Biss und Substanz wollen, ist der Veröffentlichungstag von „Unberechenbar“ – am 16. Januar 2026 ein Pflichttermin.
Kritik von: Philipp Gottfried
Mehr zu Die Dorks im Netz:
Die Dorks – Die offizielle Webseite:
https://diedorks.de
Die Dorks bei Facebook:
https://www.facebook.com/diedorksofficial
Die Dorks bei Spotify anhören:
https://open.spotify.com/artist/1l82LuVcSsWhYHKjLNO5xX?si=515672d84e9c413f

![Dr.Mulle – Kein Strom der Punkrock mit und ohne Strom [ Punk | Punkrock | Akustikrock ]](https://i0.wp.com/blattturbo.com/wp-content/uploads/2024/04/cover.webp?resize=150%2C150&ssl=1)
![Die Dorks – Metalpunk as Fuck mit „Der Arsch auf Deinem Plattenteller“ (Musikplaylist) [ Deutschpunk | Metalpunk | Punkrock ]](https://i0.wp.com/blattturbo.com/wp-content/uploads/2024/04/Die-Dorks-Ass-Art-2017.webp?resize=150%2C150&ssl=1)