Nearless und Autumnal Ache: Wenn Post-Rock-Weite im Black-Metal-Sturm zerbricht (Musikplaylist) [ Melancholic Black Metal | Post Black Metal | Blackgaze ]

Nearless – das Soloprojekt aus Bedfordshire (UK), komplett geschrieben und eingespielt von T. – hat 2025 bereits mit Even The Light Has Grown Tired Of Us und You Loved Me As If I Were Real gezeigt, wie effektiv sich Melancholie in Klang übersetzen lässt. Auf der EP Autumnal Ache wird diese Handschrift nun verdichtet: Post-Black-Metal trifft Post-Rock, Blackgaze-Schimmer liegt über dem Ganzen – und trotzdem wirkt nichts wie ein Trend-Baukasten. Das Release (1. Januar 2026 über Old Warden Records) klingt eher nach Wetterumschwung als nach Genreübung: erst ein feuchter Dunstschleier, dann ein plötzlicher Frost, der alles scharf konturiert.

Klang und Dramaturgie: Gitarren als Wetterlage

Die große Stärke von Autumnal Ache liegt im Sounddesign und in der Dramaturgie. Clean-Gitarren stehen glasklar im Raum, als könne man jede Saite an der Kälte festmachen. Sobald die Distortion einsetzt, wächst daraus keine undifferenzierte Wand, sondern ein sauber geschichtetes Panorama: breite Rhythmusgitarren, darüber Leads, die wie kaltes Licht über dunklen Wasserflächen gleiten. Synth-Flächen arbeiten dabei nicht als “Hintergrundtapete”, sondern als Atmosphäre im physikalischen Sinn – sie verändern Temperatur, Tiefe und Entfernung im Mix. Alles wirkt kontrolliert, aber nie steril: Die EP atmet, sie zieht an, sie lässt los, sie packt wieder zu.

Ghost: Der Schatten, der nicht hinterherhinkt

„Ghost“ eröffnet mit trügerischer Zartheit, als würde man den ersten Schritt in feuchtes Herbstgras setzen – und plötzlich bricht ein Black-Metal-Sturm herein. Das Arrangement nutzt Dynamik als Erzählmittel: ruhige Motive werden nicht “unterbrochen”, sondern von der Härte überrollt und anschließend wieder freigelegt. Inhaltlich dreht sich der Track um Reue und Selbstanklage: Eine vergangene Person bleibt als psychische Präsenz, als Erinnerung, die beobachtet und bewertet. Das Bild eines “Geists” steht hier weniger für Horror als für das permanente Echo des eigenen Versagens. Die wiederkehrende Entschuldigung wirkt wie ein Ritual, das die Schuld kleiner machen soll – und gerade dadurch zeigt, wie groß sie sich anfühlt.

Hollow Harvest: Ausgebrannt, bis die Blätter fallen

„Hollow Harvest“ ist die elegante Klinge der EP: Post-Rock-Weite und Black-Metal-Härte greifen ineinander, ohne dass ein Teil den anderen dominiert. Die Drums sind hier besonders erzählerisch, wechseln zwischen komplexer Rhythmik und antreibendem Druck, während die Gitarren mal schimmern, mal sägen – immer mit Sinn für Spannungsbögen. Textlich ist das ein Stück über emotionales Ausbrennen und die Hoffnung, dass die Jahreszeit den inneren Zustand endlich verändern könnte: Wenn der Sommer geht, könnte auch die Taubheit weichen. Gleichzeitig hängt über dem Song eine Beziehungsfrage wie ein schwerer Himmel: Bleibt jemand, wenn es kalt wird – und wenn Schönheit nicht mehr tröstet, sondern schmerzt?

Winter Sun: Draußen leuchtet es, drinnen bleibt es still

„Winter Sun“ bringt das zentrale Paradox auf den Punkt: Die Außenwelt wird golden und wirkt fast feierlich, während das Innenleben im selben Takt stehen bleibt. Musikalisch überzeugt der Track durch Balance – treibendes Midtempo, punktuelle Double-Bass-Schübe, dazu Melodielinien, die nicht triumphieren, sondern sehnen. Inhaltlich ist es der Versuch, den Oktober nicht einfach vorbeiziehen zu lassen: ein aktiver Wille, einen Übergang bewusst zu leben, um nicht wieder nur Zuschauer der eigenen Zeit zu sein. Dazu kommt ein leiser Wunsch nach Nähe – nicht als romantische Lösung, sondern als Wärmequelle im kalten Licht.

The Meeting / Home: Vorahnung und Rückkehrangebot

„The Meeting“ wirkt wie das kurze Innehalten vor der letzten Abfahrt: Naturgeräusche, dunkle, zurückgenommene Gitarren – ein Moment, der Spannung nicht abbaut, sondern bündelt. „Home“ setzt dann den Schlussakkord mit Gewicht. Der Song arbeitet mit tragenden Soundwänden und hallenden Zwischenräumen, die wie leergeräumte Zimmer wirken, in denen noch Wärme erinnert wird. Inhaltlich ist das ein Schutzversprechen an jemanden, der draußen in Kälte und Unsicherheit unterwegs ist: Ein Licht bleibt an, eine Wärme bleibt verfügbar, und die Botschaft ist weniger Befehl als Bitte. “Zuhause” ist hier kein Ort, sondern ein Zustand, den man wieder erreichen könnte – wenn man den Weg zurück findet.

Unsere Wertung:

Bewertung: 4.5 von 5.

Unser Fazit:

Autumnal Ache ist eine kompakte EP, die groß klingt, weil sie groß gedacht ist: Komposition und Arrangement setzen auf Dramaturgie, das Sounddesign auf Tiefe, und die Melodieführung trifft ins Mark, ohne je kitschig zu werden. Nearless liefern als Soloprojekt Post-Black/Blackgaze mit Post-Rock-Panorama, das nicht nur Stimmung abbildet, sondern sie aktiv erzeugt. Wer Melancholie sucht, die auch in den härtesten Momenten noch leuchtet, ist hier richtig.

Kritik von: Philipp Gottfried

Mehr zu Nearless im Netz:

Nearless bei Instagram:
http://www.instagram.com/nearlessmusic

Nearless bei Bandcamp:
http://www.nearlessmusic.bandcamp.com/

Nearless bei Spotify anhören:
https://open.spotify.com/artist/2hVtKh9O4ManXGAGm5xxfG

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