Alter wie Geil ist das denn bitte? Goregrind bzw. Grindcore und Metalcore aus Kanada: Vitrifier sind so etwas wie der schlecht erzogene Cousin des modernen Deathgrind: kommt ungefragt zur Familienfeier, kippt den Kartoffelsalat um, erklärt danach aber erstaunlich fundiert, warum der Tisch statisch falsch konstruiert war. Auf Ioculator Mortis werfen Steve Peck und Eric Siemens alles in den Häcksler, was zwischen Horrorfilm, Internet-Müllkippe, Popkultur-Parodie und musikalischer Körperverletzung herumliegt. Das Ergebnis ist ein Album, das sich benimmt wie ein Cartoon mit Blutgeschmack, aber dabei deutlich besser komponiert ist, als es seine komplett entgleisten Songtitel vermuten lassen. Zwanzig Stücke in gut 36 Minuten: Das ist kein Spaziergang, das ist eine geführte Tour durch den Keller eines Komikers, der zu lange Dying Fetus, Misery Index und Infant Annihilator gehört hat.
Der Irrsinn trägt Arbeitshandschuhe
Schon „Generic Metal Band“ macht klar, dass Vitrifier keine Angst davor haben, die eigene Szene auf die Streckbank zu legen. Die Band nimmt hier das klassische Metal-Band-Elend auseinander: ungestimmte Instrumente, wacklige Drummer, vergessliche Sänger, miese Gagen und Auftritte, bei denen die Würde irgendwo zwischen Monitorbox und Backstage-Kühlschrank verstirbt. Das wäre als Sketch schnell verbraucht, doch musikalisch tritt der Song mit einer Präzision auf, die den Witz erst richtig scharf macht. Nach kurzem Anlauf fliegt das Ding los, stolpert nicht, sondern rennt absichtlich gegen jede Wand. „Past The Gates“ wechselt danach ins ernstere Fach und führt den Hörer durch eine infernalische Szenerie aus Angst, Verdammnis und schwarzer Orientierungslosigkeit. Die Anspielung auf klassische Höllenbilder funktioniert, weil die Musik nicht einfach nur brüllt, sondern mit dichter Gitarrenarbeit, stürmischer Rhythmik und finsterem Stimmgewalt eine echte Dramaturgie entwickelt.
Witze, die Zähne haben
Der vielleicht schönste Trick von Ioculator Mortis besteht darin, dass die Platte dauernd dämlich tut, aber selten dumm ist. „Trashing A Pet Store With A Fruit Bat“ und „Gorilla With An Anvil“ klingen wie Titel, die man nach drei Energydrinks und einer verlorenen Wette in eine Notiz-App tippt. Trotzdem sitzen die Songs mit einer erstaunlichen Zielgenauigkeit. „Gorilla With An Anvil“ verdichtet die Geschichte eines wütenden Schmieds, der sich schlechte Deals nicht länger gefallen lässt, auf eine kurze, brutale Pointe. „Exploding Cars Taste Delicious“ macht daraus direkt das nächste Bild aus dem Irrenhaus: ein halb menschliches, halb reptilienartiges Wesen verschlingt Autos und Autobahnpanik, als wäre Blech ein Snack für zwischendurch. Unter der Karosserie dieses Unsinns steckt allerdings eine Band, die weiß, wie man kurze Stücke nicht nur schnell, sondern zwingend baut.
Dass Vitrifier dabei nicht im reinen Kalauer-Modus stecken bleiben, beweist „Mr Bean Versus Adolf Hitler“. Der Titel ist ein Frontalangriff auf jedes Feuilleton, das noch an Restwürde glaubt. Inhaltlich wird harmlose britische Comedy in eine groteske Kriegsphantasie verwandelt, in der Slapstick und Splatter aufeinanderprallen. Musikalisch ist das Stück aber deutlich beweglicher, als es der Titel vermuten lässt: energische Riffs, theatralische Lead-Momente und verschobene Rhythmik halten das Ganze zusammen. „Forged In The Fires Of A Costco“ setzt anschließend noch einen drauf und verwandelt Großmarkt-Konsum in Fantasy-Mythologie. Eine Hotdog-Klinge, eine legendäre Mitgliedschaft und der heilige Krieg gegen hohe Preise: Das ist herrlich bekloppt, aber kompositorisch nicht nachlässig. Zwischen schwerem Groove und schnellem Grind zeigt sich, dass Steve Peck hier nicht einfach Material zusammenwirft, sondern Pointen musikalisch vorbereitet.
Popkultur bekommt Hausverbot
Mit „Laptop In A Toilet“ beweist das Duo, dass auch ein banales Technik-Missgeschick als Tragödie im Kleinformat taugt. Ein Laptop im Klo, Panik, Scham, Wasser, Elektronik und ein Mensch am Rand des Nervenzusammenbruchs: Mehr braucht Vitrifier nicht, um ein groteskes Katastrophenbild zu zeichnen. „Yog Sothoth Gets Cancelled By Snowflakes On Twitter For Oversharing“ verlegt kosmischen Horror in die Kommentarspalte und macht aus einem uralten Wesen einen Influencer, der an digitaler Selbstüberschätzung und öffentlicher Empörung scheitert. Darin steckt mehr Beobachtung, als man zunächst zugeben möchte. „Bill Nye The Fight Club Guy“ nimmt Wissenschaftsfernsehen, mischt es mit nihilistischem Prügelkult und lässt am Ende ein Bildungsideal mit blutiger Nase im Keller liegen. „Dora The Deadite“ verbindet kindliche Abenteuerwelt mit Evil Dead-Kult, Necronomicon-Spuk und Kettensägen-Charme. Fein ist das nicht. Effektiv schon.
Auch „Drunk Driving In The Key Of D Minor“ zeigt, dass die Band bei aller Albernheit durchaus beißend formulieren kann. Der Song handelt von jener Sorte Selbstüberschätzung, die meint, Karaoke-Talent könne Verantwortung im Straßenverkehr ersetzen. Das ist bitter, ruppig und gerade durch den bekloppten Titel unangenehm treffsicher. „Swift Vengeance“ zerrt danach Popstar-Kult, Fan-Religion und Massenhysterie in eine okkulte Opferkulisse. Die Nummer hätte als platte Provokation enden können, bekommt durch melodische Leads und kontrollierten Aufbau aber eine eigene Schärfe. „Streaming Hit“ wiederum seziert toxische Männlichkeit, Arbeitsplatzfrust und aggressive Selbstinszenierung. Da steht kein Held im Mittelpunkt, sondern eine Figur, die ihre eigene Leere mit Muskelpose, Truck-Fantasie und Wutgeschrei tapeziert. Vitrifier lachen hier nicht nur über andere, sie halten dem ganzen Internet-Zirkus eine rostige Fratze hin.
Zwischen Cartoon-Gewalt und echter Kontrolle
„Conan The Barbarian Punching Animals At The Petting Zoo“ ist geschmacklich ungefähr so diplomatisch wie ein Barbarenfürst im Streichelzoo eben sein kann. Die Nummer zieht ihre Komik aus maßloser Übertreibung und lässt eine harmlose Ausflugssituation in komplette Cartoon-Zerstörung kippen. Wer das als realistische Erzählung liest, hat sich ohnehin im falschen Genre verirrt. „The Brown Willy Massacre“ arbeitet noch primitiver, fast schon absichtlich hirnverbrannt: Felsen, Verbote, Bestrafung, Ende. Der Witz entsteht aus der stupiden Konsequenz. Deutlich stärker gerät „A Fan’s Open Love Letter To David Howard Thornton“, weil hier aus Fanliebe langsam etwas Unheimliches wird. Bewunderung kippt in Besitzdenken, Nähe in Bedrohung, Verehrung in Stalker-Horror. Musikalisch bauen Vitrifier den Track druckvoll auf und zeigen, dass sie Chaos nicht mit Zufall verwechseln.
„Krieg Feud“ gehört zu den interessantesten Momenten des Albums. Der Einstieg mit düsteren Synthesizerfarben wirkt wie ein billiger Horrorfilm aus einer staubigen Videothek, nur dass dieser Film plötzlich überraschend gute Gitarrenarbeit besitzt. Im mittleren Tempo entfalten sich Bassdruck, melancholische Leads und eine finstere Atmosphäre, bevor die Band wieder die schweren Werkzeuge auspackt. Textlich wird eine Gameshow zur Vision gesellschaftlicher Verblödung: billige Lacher, schmierige Antworten und kollektiver Hirnfraß als persönlicher Albtraum. Zum Abschluss fährt „Nightmare On Sesame Street 2: Elmo’s Revenge“ die Kindheit mit quietschenden Reifen in den Straßengraben. Elmo wird zur dämonischen Herrscherfigur, die vertraute Welt der Sesamstraße zur Folterkulisse. Das ist maximal geschmacklos gedacht, aber als Finale wirkungsvoll, weil die Band noch einmal alle Register aus Deathcore-Wucht, Grind-Geschwindigkeit und Horror-Slapstick zieht.
Sounddesign mit Dreck unter den Fingernägeln
Bei aller Komik wäre Ioculator Mortis ein Rohrkrepierer, wenn der Sound nicht sitzen würde. Tut er aber. Die Produktion von Steve Peck ist massiv, trocken und ausreichend scharfkantig, ohne den Songs die Konturen zu nehmen. Gitarren und Bass drücken wie ein zu eng geschnürter Stiefel auf dem Brustkorb, die programmierten Drums marschieren mit brutaler Genauigkeit, und die Vocals von Eric Siemens geben den grotesken Szenarien genau jene monströse Ernsthaftigkeit, die sie benötigen. Besonders stark ist das Sounddesign, weil es nicht bloß Kulisse bleibt. Kleine Effekte, atmosphärische Einsprengsel und kurze Irritationsmomente sorgen dafür, dass die Songs trotz ihrer Kürze nicht austauschbar wirken. Das Duo hat hörbar an Songwriting, Mix und Performance gefeilt. Ioculator Mortis wirkt nicht wie eine Ansammlung von Gags, sondern wie ein Album, das seine schlechten Manieren sehr sorgfältig geplant hat.

Natürlich wird diese Platte nicht jeden abholen. Wer Humor im Metal nur akzeptiert, wenn er mit einem Augenzwinkern in Zimmerlautstärke serviert wird, dürfte hier frühzeitig die Flucht ergreifen. Vitrifier spielen nicht mit dem kleinen Besteck. Sie werfen den ganzen Besteckkasten. Trotzdem ist der Reiz offensichtlich: Das Album verbindet extreme musikalische Präzision mit der Lust am völlig falschen Bild, am schiefen Witz und an der überdrehten Pointe. Gerade deshalb bleibt Ioculator Mortis hängen. Nicht, weil jeder Einfall elegant wäre, sondern weil das Duo auch den absurdesten Unsinn mit echtem Können durch die Wand schiebt. Das Album hat keine gute Kinderstube. Aber es hat Riffs, Druck, Timing und eine sehr eigene Form von Charme.
Unsere Wertung:
Unser Fazit:
Vitrifier liefern mit Ioculator Mortis ein herrlich ungezogenes, brutal produziertes und überraschend clever komponiertes Deathgrind-Album ab. Die Band zerlegt Popkultur, Internet-Wahnsinn, Horror-Klischees und Metal-Selbstbilder mit einer Mischung aus Flegelhumor und handwerklicher Präzision. Wer bei Songtiteln wie „Gorilla With An Anvil“, „Forged In The Fires Of A Costco“, „A Fan’s Open Love Letter To David Howard Thornton“ oder „Nightmare On Sesame Street 2: Elmo’s Revenge“ schon genervt die Stirn runzelt, ist hier falsch. Wer aber extremen Metal mag, der nicht andächtig vor der eigenen Finsternis kniet, sondern ihr eine Clownsnase anklebt und danach trotzdem ordentlich zulangt, bekommt 36 Minuten kontrolliertes Chaos mit hohem Unterhaltungswert. Ioculator Mortis ist laut, bissig, dreckig, komisch und musikalisch stärker, als die eigene Beklopptheit zunächst zugibt.

Trackliste
- Generic Metal Band
- Past The Gates
- Trashing A Pet Store With A Fruit Bat
- Gorilla With An Anvil
- Exploding Cars Taste Delicious
- Mr Bean Versus Adolf Hitler
- Forged In The Fires Of A Costco
- Laptop In A Toilet
- Yog Sothoth Gets Cancelled By Snowflakes On Twitter For Oversharing
- Bill Nye The Fight Club Guy
- Dora The Deadite
- Drunk Driving In The Key Of D Minor
- Swift Vengeance
- Streaming Hit
- Conan The Barbarian Punching Animals At The Petting Zoo
- The Brown Willy Massacre
- Edward Liquor Hands
- A Fan’s Open Love Letter To David Howard Thornton
- Krieg Feud
- Nightmare On Sesame Street 2: Elmo’s Revenge
Credits
Interpret: Vitrifier
Titel: Ioculator Mortis
Herkunft: Alberta, Kanada
Format: Album
VÖ: 3. Mai 2026
Genre: Deathgrind | Grindcore | Death Metal | Deathcore
Label: Independent
Laufzeit: 36:25 Minuten
Produktion: Steve Peck & Eric Siemens
Mix & Mastering: Steve Peck
Aufnahme: Februar bis Dezember 2025
Cover Illustration & Art Direction: Nicolas Oliveros von Dark Blessed
Logo Design: Fany Sejati
Band Photography: Steve Peck & Eric Siemens
Steve Peck: Drum- und Bass-Programming, Gitarren, Sounddesign, Piano
Eric Siemens: Vocals
Mehr zu Vitrifier im Netz
Vitrifier bei Facebook:
https://www.facebook.com/xvitrifierx
Vitrifier bei Bandcamp:
https://vitrifiergrind.bandcamp.com
Vitrifier bei Spotify anhören:
https://open.spotify.com/artist/6VTyivxRGFVF1F8TbBk8Ov

![Bloodstain zünden „Conspiracy“ – neuer Thrash-Track out now und Hellfest 2026 bereits bestätigt (Musikvideo) [ Thrash Metal ]](https://i0.wp.com/blattturbo.com/wp-content/uploads/2026/01/Bloodstain-Conspiracy-Artist-Januar-2026.jpg?resize=150%2C150)
![Juliane Ehl alias JULIEL entfacht mit „Aftermath“ ein cineastisches Prog-Metal-Szenario [ Metal | Prog Metal ]](https://i0.wp.com/blattturbo.com/wp-content/uploads/2025/08/7c00947e-e898-e9e7-0a92-08e6bc1d162d.jpg?resize=150%2C150)
